Abschlussbericht Symposium: „shoe goes sustainable“

Abschlussbericht Symposium: „shoe goes sustainable“

Berlin, Technische Universität Berlin > 04.10.2013

Wie fair, nachhaltig und gesund ist unser Schuhwerk heute wirklich?

Schuhe sind in einer ‚zivilisierten’ Gesellschaft so selbstverständlich, dass die Frage nach ihrer Herkunft allzu selten gestellt wird. Was wir unseren Füßen mit gängigem Massenschuhwerk zumuten, ist den wenigsten TrägerInnen bewusst. Selbst teure Schuhe sind heute zu einem schnell konsumierten Wegwerfartikel mutiert. Wir brauchen jedoch Schuhe zum Laufen, Schützen und schließlich zum Schmücken. Denn das ‚Schöne’ siegt.
Doch wie gesund und ökologisch verträglich sind die Materialien, die wir unseren Füßen zumuten? Wie können Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit im Handwerk und in globalen Produktionsprozessen miteinander vereinbart werden? Ist das gängige Konsumverhalten, insbesondere die Geiz ist geil–Mentalität und die damit einhergehende Wertschätzung unserer Fußbekleidung ausschlaggebend für die Nicht-Etablierung nachhaltiger Konzepte in der Massenindustrie und auf konventionellen Märkten?

Diese Fragen wurden auf dem interdisziplinären Symposium „shoe goes sustainable“ am 4. Oktober 2013 in den Räumen der Technischen Universität Berlin von Forschenden, WissenschaftlerInnen, Lehrenden, Kreativen und Studierenden diskutiert.

Wie brisant das Thema rund um den Schuh ist, zeigten die engagierten Diskussionen zwischen den einzelnen Vorträgen. Die Auseinandersetzung mit kulturwissenschaftlichen, psychologischen und sozialwissenschaftlichen Perspektiven, gepaart mit der Erörterung medizinischer Faktoren und Aspekten der industriellen und handwerklichen Herstellung führten zu einem anregenden interdisziplinären Wissensaustausch.

Interessante Einblicke in die weitgehend unbekannte „Schuhreform“ um 1800 gab Nike U. Breyer. Anhand von Exponaten der Ausstellung „Schritt für Schritt. Die Geburt des modernen Schuhs“, die bereits im Deutschen Medizinhistorischen Museum
Ingolstadt gezeigt wurde und im Wilhelm-Fabry-Museum in Hilden zu sehen war, referierte die Historikerin darüber, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir einen rechten und einen linken Schuh tragen. Viele Jahrhunderte lang zwängten die Menschen ihre Füße in Formen, die dem symmetrischen Schönheitsideal des Adels und des Bürgertums entsprachen. Erst um 1900 setzte sich an die Anatomie der Füße angepasstes Schuhwerk endgültig durch.

Dennoch sind heutige Schuhe nicht immer bequem und gesund – im Gegenteil. Dr. Monika Richter vom Prüf- und Forschungsinstitut Pirmasens referierte darüber welche Parameter bei der Gestaltung von Absatzschuhen zu berücksichtigen sind: Fersensprengung, Spitzengestaltung Absatzbefestigung und Statik. Ein gesunder Fuß braucht keinen Absatz. So ist die Komposition dieser Parameter stets zu bedenken, um den Füßen den optimalen Tragekomfort auf Absatzschuhen zu ermöglichen.

Wie im Märchen ‚Aschenputtel’ entspricht ein schmaler Fuß dem gängigen Schönheitsideal. Ein schöner Schuh mit hohem Absatz impliziert Erotik, dient der Belohnung, ist ein Objekt der Begierde und des Konsums. Die individuellen ästhetischen Beziehungen zwischen Schuhen und ihren TrägerInnen untersuchte Dr. des. Katja Stromberg. Die Textilwissenschaftlerin stellte ihre Studie zu individuellen Trage- und Aufbewahrungspraktiken von Schuhen vor. Der Schuhschrank als intimer Ort offenbart Träume und Sehnsüchte, die mit Schuhen verbunden sind und zeigt wie einzelne Personen diese Objekte in Szene setzen, (ab)nutzen und (auf)bewahren.

Die ästhetischen Erlebnisse rund um den Schuh beziehen sich nicht nur auf das Tragen, sondern auch auf die Gestaltung und Herstellung. Aspekte des Modischen und Erotischen, gepaart mit Anforderungen bezüglich der Passform, der Qualität, sowie orthopädischer Gesichtspunkte, machen die Aufgabe, laut Jürgen Ernst, so spannend. Unter seinem Label, „Der Herr der Schuhe“, gestaltet er individuelle Maßschuhe von langer Lebensdauer. Die auf diese Weise evozierte Wertschätzung erzeugt eine emotionale Bindung an ein handgefertigtes Paar Schuhe – eine Schnittstelle zwischen Orthopädie, Mode und Design.

Motiviert von dem Gedanken, die Zunft des Schuhmachens nicht aussterben zu lassen, eignete sich der Schuhdesigner David H. Dudek das Schuhmacherhandwerk durch Hospitation in traditionellen Betrieben an. 2009 gründete er sein Label „Theo & Mo“. In Zusammenarbeit mit Gerbern und Schuhmanufakturen entstehen ausschließlich High Heels in limitierte Auflage aus nachwachsenden und umweltverträglichen Materialien unter Anwendung traditioneller Verfahren – z.B. pflanzlich gegerbtes Lachsleder, einem Abfallprodukt aus biologischer Fischzucht. Im Fokus stehen dabei die Aufwertung von übrig gebliebenen Materialien und faire Arbeitsbedingungen. D. Dudek nimmt mit seinem individuell gestaltbaren Baukastensystem eine innovative Position zwischen dem Maß- und dem Massenschuh ein.

Dem entgegengesetzt berichtete Matthias Baumecker über die Gegebenheiten in einer Schuhmanufaktur in Agra, Indien. Der Textil- und Produktdesigner verbrachte dort mehrere Monate, um das Handwerk zu erlernen. In Anbetracht der Arbeitsbedingungen, der Korruption und der Berge von Müll, wirft Baumecker die Frage auf, ob die Produktion in Entwicklungsländern unter den Aspekten der Nachhaltigkeit überhaupt möglich sei.

Während in Agra jeder Einzelne vom wirtschaftlichen Aufstieg in der Schuhindustrie profitieren möchte, gehen traditionelle Handarbeitstechniken, wie die Herstellung der iranischen Geeveh, langsam aber stetig verloren. Samira Iran, Promovendin der TU Berlin, stellte in ihrem Vortrag die Geschichte und die Herstellung der den Espadrilles ähnlichen Schuhe vor. Geeveh werden in ländlichen Gebieten in Handarbeit gefertigt. Für das Obermaterial und die Sohlen werden Baumwolle und Leder verwendet. Die für den Schaft angewandten speziellen Häkeltechniken geben dem Fuß nicht nur einen guten Halt, sondern machen den Schuh atmungsaktiv und geeignet für Sommer und Winter. Die lange Tradition des nachhaltigen, gesunden und zeitlosen Geeveh könnte jedoch bald zu Ende gehen, da immer weniger Familienbetriebe die Fertigkeiten beherrschen und das Wissen weitergeben können.

Ein wachsendes Umweltbewusstsein und der Wunsch nach ‚grünem Shoppen’ wird auch in der GMA-Deloitte Studie von 2009 belegt. Während 95% der KonsumentInnen an nachhaltigen Produkten interessiert sind, kaufen jedoch 47% der Befragten bewusst keine dieser Produkte. Gründe dafür sind (scheinbar) ästhetische, ökonomische und funktionale Nachteile, sowie Glaubwürdigkeitsdefizite durch unklare Kennzeichnungen. Welchen Beitrag Zertifizierer leisten können, um Nachhaltigkeitsstrategien zu unterstützen, die Qualität von Produkten und Prozessen transparent zu machen und entsprechend zu kommunizieren, beschrieb Thorsten Greiner, Leiter der Zertifizierungsstelle des Prüf- und Forschungsinstituts Pirmasens.
Was zeichnet ein nachhaltiges Produkt aus? Während zahlreiche gesetzlich verpflichtende oder auch freiwillige Prüfungen und Kennzeichnungen von Produkten und Prozessen in den Bereichen Umwelt- und Qualitätsmanagement existieren, fehlen entsprechende Regelungen, wenn es um Nachhaltigkeit geht.

zeigte sich auch in der abschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Susanne Beckmann, dass Transparenz im Hinblick auf ökologisch, sozial und ethisch verträgliche Produkte fehlen. Der Begriff Nachhaltigkeit ist nicht klar definiert, was zur Verunsicherung der Konsumierenden führt. Das Qualitätsmerkmal ‚nachhaltig’ bezieht sich sowohl auf Ressourcenverbrauch, Produktionsbedingungen, Umweltbelastungen und schließlich auf die Qualität des Schuhs. Schuhdesign ist offenbar das wichtigste Kaufargument. Über Geschmack lässt sich streiten. Dass ein Öko-Schuh ‚hässlich’ ist, ist nach wie vor ein gängiges Klischee. Inzwischen gibt es eine Angebotsspanne nachhaltigen Schuhwerks, die sich zwischen Maßschuh und kompostierbarem Massenschuh bewegt, die in der konventionellen Schuhbranche leider noch zu wenig vermarktet werden. Das Marketing ist bisher auf ein ohnehin ökologisch interessiertes Käuferklientel fokussiert.

Die begleitende Schuhausstellung zeigte Exponate nachhaltiger Schuhe im Gesamtkonzept mit ihren nachhaltigen Verpackungen. Handgefertigte Schuhe von „Der Herr der Schuhe“, „Theo & Mo“ und Josephine Barbe, veganes Schuhwerk der Firma „ekin“, „Gea/Waldviertler“ und rahmengenähte Boots von „Schuhwerk.de“ standen neben Modellen des Berliner Labels „trippen“ und einem Cydwoq von Oekoschuhe.de. Der kompostierbare InCycle-Basket von Puma und der biologisch abbaubare Sneaker von VIO komplettierten das reiche Sortiment von nachhaltigen Herstellungskonzepten in dieser Ausstellung.

Das Symposium hat den Schuh in den Fokus eines umfassenden Diskurses gestellt. Die Bewältigung der Herausforderungen sowie das Erkennen und das Nutzen von Potenzialen erfordert auch in Zukunft eine fächerübergreifende Vernetzung. Darüber hinaus sind der Appell an die Politik, die Verantwortung und das Überdenken des eigenen Konsumverhaltens in unserer ‚Fast Fashion Kultur’ entscheidende Faktoren, um ein Umdenken in der Schuhbranche zu forcieren.

Auch die Technische Universität Berlin sieht nach den Worten der Vizepräsidentin Dr. Gabriele Wendorf eine gesellschaftliche Verpflichtung, das Thema Nachhaltigkeit ins Zentrum zu rücken.
Für das netzwerk mode textil e.V. bildet das Symposium „Shoe goes sustainable“ den Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen, die den partizipativen Austausch und den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern.

Der Anstoß zu diesem Symposium war die Veröffentlichung „Schuhwerk. Geschichte, Techniken, Projekte“ von Dr. Josephine Barbe und eine Gesprächsrunde während des Berliner jour fixe vom netzwerk mode textil e. V.
J. Barbe arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fachwissenschaft Arbeitslehre und nachhaltiger Konsum an der TU Berlin. Die Veranstaltung organisierte sie mit Susanne Beckmann, Modejournalistin und Herausgeberin von modesearch-berlin.de in Kooperation mit netzwerk mode textil e. V.

Eine Publikation der Vorträge ist in Planung.

Die Veranstaltung wurde von folgenden Unternehmen unterstützt:


Waschbär - Der Umweltversand - DE



PUMA Online Shop

Text: © Josephine Barbe, Susanne Beckmann, Lilly-Britt Weiß