Kleider machen Leute

Kleider machen Leute

In Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ von 1874 wird der arme Schneidergeselle Wenzel Strapinski wegen seines vornehmen Radmantels für einen Grafen gehalten und entsprechend hofiert. Mit einer bestimmten Kleidung werden Menschen oft von ihrer sozialen Umgebung besondere Qualitäten zugeschrieben. Kellers Novelle wirft die Frage von Sein und Schein auf. Genau darum geht es auch in der Dresdner Ausstellung.

Die Fotografin Herlinde Koelbl hat rund 70 Männer und Frauen verschiedener Nationen in ihrer Standes- oder Berufskleidung fotografiert und so, wie sie sich zu Hause anziehen. Man sieht unter anderem eine Richterin am Bundesverfassungsgericht, eine Geisha, eine Domina, eine Soldatin, einen General, einen Bischof, einen Koch und einen Feuerwehrmann. Die Aufnahmen entstanden im Studio und zeigen kein Interieur und lenken nicht von den Personen und ihrer Kleidung ab. Koebl will den öffentlichen und den privaten Menschen zeigen und herausfinden, ob es einen Gegensatz zwischen beiden gibt. Auf ergänzenden Texttafeln kommentieren die Protagonisten ihre jeweilige Gewandung.

Text:
Ich bin der einzige weibliche Officer in der Antiterroreinheit, zuständig für Logistic and Supply. Deshalb bin ich auf das, was ich erreicht habe, und auf meine Uniform sehr stolz.
Ich bin überall dabei, wo meine Einheit eingesetzt wird, auch im Ausland. Es gibt keinen Unterschied, ich agiere wie ein Mann. Jeder kann an den Schulterklappen sofort den Rang und die Einheit erkennen. Auch mein Vater und meine Mutter sind bei Militär, deshalb habe ich mich ebenfalls dafür entschieden. In der Uniform bekomme ich mehr Aufmerksamkeit und Respekt. Die Männer finden mich aber in meiner Freizeitkleidung attraktiver, sie haben mehr Distanz und sind eingeschüchtert, wenn ich die Uniform trage.

In fast allen Fällen ist es die Berufskleidung, die den Blick des Betrachters zuerst anzieht. Die Menschen wirken in Uniform, Priester- oder Nonnentracht, Robe oder Talar interessanter als in ihrer alltäglichen Kleidung. Ohne ihre berufliche Kostümierung sehen sie aus wie Jedermann. Erst die Berufskleidung macht die portraitierten Menschen äußerlich zu etwas Besonderem, hebt sie aus der Masse hervor. Die Berufstracht vermittelt Status und Selbstbewußtsein, und nicht wenige der Portraitierten fühlen sich darin attraktiver als in ihrer Alltagskleidung. Sogar Gang oder Stimme ändern sich bei manchen, sobald sie das professionelle Gewand anlegen. Für fast alle Abgebildeten gilt, dass sie von ihrer Umwelt in ihrer offiziellen Kleidung anders wahrgenommen werden als in ihrer privaten.

Die Ausstellung wirft Fragen über die Bedeutung von Kleidung für die persönliche Identität auf und für unsere eigene Wahrnehmung. Ein Besuch ist sehr zu empfehlen.

Fotoausstellung „Kleider machen Leute“.
Deutsches Hygienemuseum Dresden
04. Mai bis 29. Juli 2012

Text:© Rose Wagner
Foto: © Pressefoto DHMD -Batnesan Bal First Lieutenant, Mongolei; herlinde Koelbel