Ausstellung: Shepop. Frauen. Macht. Musik

Ausstellung: Shepop. Frauen. Macht. Musik

Songs, Sex und Outfits: Ambivalenzen weiblicher Popmusik

von Rose Wagner

Ohne den Zusammenbruch der Textilindustrie gäbe es im westfälischen Gronau – in Randlage an der holländischen Grenze gelegen – kein Rock- und Popmuseum. Ihr Ende bescherte der Stadt massive ökonomische Probleme, einen gravierenden Bedeutungsverlust sowie eine riesige innerstädtische Brachfläche. Man erinnerte sich an den „Sohn der Stadt“, den Sänger Udo Lindenberg, und die Idee eines Museums der Rock- und Popmusik wurde geboren. Mit „Shepop“, einer vom Land Nordrhein-Westfalen geförderten Sonderausstellung, hofft das Museum nun auf großen Besucherzuspruch.

Frauen in der Musikindustrie
Mit einem dezidiert feministischen Ansatz soll ein „alternativer Blick auf Popgeschichtsschreibung“ geworfen werden. Im Ausstellungsplakat manifestiert sich ein hoher programmatischer Anspruch, gilt das zitierte Gemälde von Eugène Delacroix doch als das Sinnbild der Französischen Revolution und des Kampfes um Frauen- und Bürgerrechte.
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Ausstellungsplakat. Foto © Rock´n Popmuseum

Frauen waren in der Musikindustrie immer präsent. Seit den 1990er Jahren gibt es mehr weibliche Superstars als jemals zuvor. Für die Ausstellungsmacherinnen ist das allerdings kein Beleg für Chancengleichheit. Den Erfolg der weiblichen Stars führen sie auf deren „Hyperweiblichkeit und Sexualisierung“ zurück, die die „Grundbedingung für weiblichen Chartserfolg“ seien. Die nach wie vor vorhandene strukturelle Ungleichheit und den Sexismus im Musikgeschäft wollen sie mittels eines radikal subjektiven Zugangs entlarven. Sie lassen Musikerinnen, Songschreiberinnen, Fans und Groupies, Fotografinnen sowie eine Produzentin in Oral-History-Manier zu Wort kommen.

Die Ausstellung ist geografisch auf den deutschsprachigen und angloamerikanischen Raum begrenzt.

Fashion Statements
Das Image von Popstars wird wesentlich durch Kleidung bestimmt. Bühnenkostüme spielen mit dem semiotischen Potential der Mode, und Auftritte sind ein komplexes Zusammenspiel von Musik, Effekten, Kleidung, Erscheinung und Bewegung.

In der Ausstellung ist die deutschsprachige Musikszene mit Kostümen von Ina Deter, Doro Pesch und Lady Bitch Ray vertreten, die mit bürgerlichem Namen Reyhan Sahin heißt und als „Porno-Rapperin“ Furore macht.

Rock- und Popmusik hat viel mit Sexualität zu tun: durch Rhythmus und Texte, Gesten, Bewegungen und Symbole – wozu auch Frisuren und Outfits gehören.

Typisch für den heute bevorzugten minimalistischen Stil ist ein weißes Lederoberteil von Christina Aguilera.

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Outfit Christina Aguilera. Foto © Mario Brand/Rock´n Popmuseum

Madonna ist mit einer schwarzen Corsage mit Strapsen sowie einem weißen Brautkleid präsent. Stammt es aus ihrer „Like a Virgin“-Tour?
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Brautkleid von Madonna. Foto © Rock´n Popmuseum

Es verwundert, dass ausgerechnet Janis Joplin (1943 – 1970), die wildeste Rocksängerin ihrer Zeit, durch eine brave Lederjacke repräsentiert wird. Andererseits wirkt dieses Kleidungsstück in dieser Umgebung geradezu eigenwillig.
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Lederjacke von Janis Joplin. Foto © Rock´n Popmuseum

Man hätte gern mehr über die ausgestellten Kostüme erfahren. Zu welchen Gelegenheiten wurden sie getragen? Wer entwarf sie? Diese Informationen sind leider nicht zu bekommen.

Fans und Groupies
Das System der Popmusik besteht nicht nur aus Stars. Die ausgestellten Fan-Artikel decken die gesamte Bandbreite des Star-Kultes ab, von der gehäkelten Lady-Gaga-Puppe, über Sammler-Barbie-Puppen, die Popstars nachempfunden sind, sowie Fan-T-Shirts.

Hinter einem roten Plüschvorhang verbirgt sich ein „Séparee“. Ein ehemaliges Groupie erzählt von ihren Aktivitäten, und in einer Vitrine prangt der Gipsabdruck des Penis von Jimi Hendrix (1942 – 1970), den eines seiner Groupies aus der Erinnerung modellierte.

Was bleibt?
Eine alternative Popgeschichtsschreibung bietet die Ausstellung nur in Ansätzen. Sie zwingt allerdings dazu, den Begriff des Sexismus neu zu justieren. Vor allem bei der Draperie von Lady Bitch Ray fragt man sich, worum es eigentlich geht. Um strategische Selbstvermarktung? Um das Demaskieren von Männerphantasien? Um feministische Mehrdeutigkeit oder gar um Postfeminismus, der sich um alte Zuschreibungen nicht mehr schert?

Das Ganze ist nicht ohne Witz. Auch mein Begleiter hatte Spaß. Als Mediziner interessierte er sich insbesondere für das Genital von Jimi Hendrix und fand es beachtlich. Aber dafür extra nach Gronau fahren?

Ort: Rock´n Popmuseum Gronau > 01.03. – 08.09.2013