Avantgarde – etwas zwischen Kunst und Mode

Avantgarde – etwas zwischen Kunst und Mode

LE CARRÉ BOUTIQUE in Berlin Mitte

Berlin ist nicht die Stadt für Avantgarde – Fashion. Das Straßenbild der Hauptstadt zeigt sich eher lässig, casual und bisweilen etwas zu schlampig. Schick und individuell ist anders. Avantgardistisch schon mal ganz. Trotzdem füllt Avantgarde-Fashion eine der vielen Nischen zwischen Kunst und Mode in der Hauptstadt. Wer sie nicht kennt, muss recherchieren. Eingeweihte kennen die Marken nach denen sie suchen müssen und wissen, wo sie sie finden.


Esther Perbandt
Eine von den bekanntesten ist Esther Perbandt, die schon seit der Berliner Mode-Renaissance in den 1990ern die Szene bestimmt. Esther Perbandt brilliert immer wieder mit ihren Inszenierungen während der Fashion Week Berlin. Unabhängig von Mercedes Benz zeigt sie ihre Kollektionen in Theatern und wie ein Theaterstück bleiben diese Inszenierungen unvergesslich als einzigartiges Event. Ihre Kollektionen sind ein Spiel zwischen Kunst, Mode und Theater. Schwarz ist ihre Avantgarde und dunkel die Präsentationen. Als Modedesignerin möchte sie nicht bezeichnet werden. Sie sieht sich eher als Künstlerin und macht sich so unabhängig von diesem ganzen Modezirkus. Auch ihre Inszenierungen sind einzigartig. Sie wird Teil der Inszenierung, dreht Filme und spricht Poems passend zur Show. Sie lässt Freunde über den Laufsteg laufen, alte Models, den tätowierten Bent Angelo Jensen vom Label Herr von Eden… Die Protagonisten bedienen auf jeden Fall nicht das typische Modelschema – nur dünn, jung, belanglos und nichtssagend zu sein. Sie sind Personen, richtige Typen, die auffallen und wirklich Individualität ausstrahlen.
Seit 2004 arbeitet Esther Perbandt in Berlin daran, Geschlechter-Rollen in Unisex aufzubrechen. Sie nennt ihre Entwürfe unangestrengt, reduziert, elegant, mit einer gewissen Strenge gepaart. Sie betreibt eine kleine Boutique in Berlin Mitte.

Esther Perbandt Fashion Week Berlin HW 2017/18 Foto: S. O. Beckmann

esther perbandt
Almstadtstraße 3,
10119 Berlin
estherperbandt.com.

Jiyoung Kim und „The slow issue“
Ganz versteckt und nur für Insider auffindbar ist der kleine Souterrainladen von Jiyoung Kim im Innenhof des Neuen West in der Potsdamer Straße 91. Umgeben von Galerien, guten Restaurants und High-End Designern wie Fiona Bennett und Maisonnoée, sorgt Jiyoung Kim für Abwechslung in dem neuen Viertel.
Ihre kleine Kollektion ist minimalistisch und pur. Schwarz und weiß sind die Hauptfarben ihrer Cottonteile. Das Erkennungszeichen ihrer Kollektion sind raffinierte Abnäher von Schnittmusterteilen, die sie in Einzelteile einnäht. Neben der Kollektion bietet Jiyoung Kim auch Einzelanfertigungen an.
Die Koreanerin studierte in der HTW Berlin und machte sich bald nach ihrem Studium hier selbständig. Der Name, The slow issue ist bezeichnend. Ihre Kollektion ist ausnahmslos handgefertigt und widersetzt sich dem schnellen Konsum unserer Zeit.
Jiyoung Kim

Blusen von Jiyoung Kim

Potsdamer Strasse 91
10785 Berlin
theslowissue.com

LE CARRÉ BOUTIQUE- Avantgarde ist eine Emotion
Ein ganz besonderer Avantgarde-Store, umgeben von Galerien, Maßschneidern, Restaurants und Modedesignern ist die „LE CARRÉ Boutique“. Hier lohnt allein schon einen Besuch zum Hineinschauen. Der Betreiber des Konzeptstores Kichiro wollte eigentlich Fußballer werden aber eine Verletzung hinderte ihn daran. So besann er sich auf sein stilles Wissen über Mode, dass ihm sein Vater mitgegeben hatte. Immer schon entwarf Kichiro seine eigenen Kleider und wie das so ist, fragen Freunde und Bekannte und so weiter. Kichiros Stil ist schon sehr eigen und avantgardistisch. Über Bekannte fand er Kontakt in die Pariser Modeszene, lernte italienische Avantgardedesigner kennen und beschloss eine Boutique zu eröffnen. Zusammen mit seinem Schwager, wählten die beiden Hamburger Berlin als Standort, aus dem einfachen Grund, hier auch ein entsprechendes, auch internationales Publikum zu finden.
Was ganz besonders sympathisch ist, Kichiro steht voll und ganz hinter den Einzelteilen. Er legt keinen Wert auf Masse und den schnellen Verkauf. Ihn freut es mehr, wenn Kunden erst schauen, sich erinnern, davon erzählen und das Erlebnis aus seinem Laden weiter tragen. Sie kommen wieder und kaufen irgendwann. Eine schöne Mischung aus Kleidern, Kunst und ausgewählten Accessoires findet man hier.

Wieso er sich für Avantgarde entschied? Schon mit vier Jahren war er begeisterter Anhänger von Yamamoto, begann mit neun zu nähen, kaufte Stoffe und entschied sich, doch nur eine kleine eigene Kollektion mit anderen Labels in seinem Laden anzubieten. Kichiro liebt die Einfachheit und geht fast philosophisch an sein Ladenkonzept heran. Ihm geht es um Ästhetik, Kunst und Schönheit.

Kichiro_huete_Avantgardeboutique Berlin
Kichiro_mantel-LE CARRE BOUTIQUE
Die Mode korrespondiert mit der Einrichtung, dem gesamten Gestaltungskonzept und verschmelzt mit der Umgebung. Ein Besuch in diesem Store ist wie ein Galeriebesuch. Ausgewählte Bücher, Sessel und eine Bank laden zum Verweilen ein. Man stöbert in Büchern und Katalogen und arbeitet sich langsam durch die Kleiderstangen an den Wänden. Typisch für Avantgardemode sind Weiß, Schwarz und Erdtöne – aber niemals wird es bunt. Neben der minimalistischen Farbpalette sind die Teile aus ausgesprochen hochwertigen Materialien wie Yakwolle, japanischer Seide, Baumwolle, Leinen und sehr feinem Leder. Selbstverständlich ist das Avantgardesortiment fair und slow hergestellt. Hier benötigen die Kunden Zeit. Denn die Teile sind meist Unikate, handgemacht, hochpreisig und vom Stil her sehr eigenwillig. Dementsprechend klein sind die Auflagen.

Kichiro verkauft mit seinen Kleidern und Accessoires Gefühle. Es gibt bei ihm keinen Sale, auch das macht der Kurator für Avantgardemode aus Überzeugung nicht. Den Wert der Mode zu achten, kostet eben seinen Preis.
Marken wie Hannibal., Individual Sentiments, Daniel Andresen, Lee Brennan, Yohji Yamamoto, Uma Wang, surface cast, 10seiotto, Latus und einige mehr sind bei LE CARRE vertreten.

LE CARRE BOUTIQUE
Gipsstraße 5
10119 Berlin
lecarré.com