Berlin Fashion: Labels. Lifestyle. Looks.

Berlin Fashion: Labels. Lifestyle. Looks.

Foto: © S. O. Beckmann, FW SS 2015 Show von Michael Sontag

Stelzner, Julia: Berlin Fashion: Labels Lifestyle Looks. Prestel Verlag, München u.a., 2014. ISBN 978-3-7913-4884-1

Berliner Mode-Melange
Vor zwanzig Jahren hätte nicht einmal ein Berufsoptimist einen Pfifferling für Berlin als Modezentrum gegeben, doch heute erfreut sich die Stadt einer internationalen Ausstrahlung. Wie es dazu kam, wer dazu beiträgt und woran es noch mangelt, ist aus Julia Stelzners Buch „Berlin Fashion“ zu erfahren. Sie stellt 25 junge Labels vor, befragt 15 exzentrische oder bekannte Menschen über ihre modischen Vorlieben und liefert einen Shopping Guide.

Die Geschichte der neueren Berliner Mode beginnt für Julia Stelzner nach dem Fall der Mauer, als Kreative aus der ganzen Bundesrepublik in die wiedervereinigte Stadt strömten. Stelzner unterscheidet eine erste Gründungswelle, der sie Label wie Firma (1997), Kaviar Gauche (2004), Lala Berlin (2006) und Michalsky (2006) zuordnet. Stärker als heute habe damals die Lust am Experimentieren und Improvisieren im Vordergrund gestanden.
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Kaviar Gauche. Foto © S.O. Beckmann

 

Um das Jahr 2008 habe ein Paradigmenwechsel zur „wohlgeformten Zeitlosigkeit“ eingesetzt. Designerinnen wie Isabell de Hillerin (2009), Annelie Augustin und Odèle Teboul vom Label Augustin Teboul (2010), Sissi Goetze (2011) oder die Gründerinnen der Marke VonSchwanenflügelpupke (2011) seien auf den Plan getreten.
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Sissi Goetze. Foto © S.O. Beckmann

 

Modemessen wie die „Bread and Butter“ zogen von Westdeutschland nach Berlin, und der Senat schüttete Geld für die Mode aus, wovon ein beträchtlicher Teil in die Berlin Fashion Week fließt, die seit 2007 von der New Yorker Event Agentur IMG veranstaltet wird. Preise wurden ausgelobt, und nach und nach entwickelte sich ein kulturelles Klima, das einer Modeblüte förderlich ist.
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VonSchwanenflügelpupke. Foto © S.O. Beckmann

 

Alfons Kaiser zeichnet in einem Essay den dornigen Weg Berlins zur Modestadt nach. Mentalitätsgeschichtliche, politische und ökonomische Hindernisse standen lange einer modischen Entfaltung im Wege. Protestantische Zurückhaltung und preußische Strenge ließen den Aufbau einer Luxusindustrie wie in Paris nicht zu. Unter den Nationalsozialisten wurden die jüdischen Besitzer der vielen Konfektionsbetriebe, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin angesiedelt hatten, vertrieben oder ermordet. Ein zaghaftes Aufblühen, das sich Ende der 1950er Jahre andeutete, ging 1961 abrupt zu Ende, als der Bau der Mauer die Berliner Couture von ihren Zwischenmeistern und Zulieferern im Ostteil der Stadt abschnitt. Das egalitäre Denken und die Konsumkritik der Studentenbewegung waren für die Mode auch nicht förderlich.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute ziehen Ausstellungen, Messen und die legendäre Clubszene internationales Publikum an, und die Partys der Berlin Fashion Week machen Schlagzeilen. Alfons Kaiser konstatiert, dass Berlin wirtschaftlich gesehen zwar längst nicht die Bedeutung habe wie Paris, Mailand, New York und London, seine Anziehungskraft jedoch trotzdem enorm sei.

Lisa Strunz beschäftigt sich in einem Beitrag mit den vielen Designern in Berlin, die ihre prägenden kulturellen Erfahrungen außerhalb des westeuropäischen Kulturraumes gemacht haben. Tutia Schaad vom Label Perret Schaad (2009) verbrachte ihre Kindheit in Hanoi, Bobby Kolade (2013) in Uganda, Hien Le (2010) in Laos und Vladimir Karaleev (2006) in Bulgarien. Derya Issever und Cimen Bachri vom Label Issever Bahri (2010) kommen aus türkischen Familienverbänden.
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Bobby Kolade. Foto © S.O. Beckmann

 

In einem aufschlussreichen Interview weist Marte Hentschel, die Gründerin einer Produktionsstätte, in der Entwürfe von Designern umgesetzt werden, auf den eklatanten Mangel an Textilhandwerkern, Technikern und Produktionsagenten in Berlin hin. Paradoxer Weise hänge er auch mit der Existenz der vielen Modeschulen in der Stadt zusammen. Nicht alle legten genügend Wert auf die Vermittlung handwerklicher Grundkenntnisse.
Tatsächlich sind von Berliner Designern immer wieder Klagen über die defizitäre textile Infrastruktur der Stadt zu hören. Wo sind die Schnittmeisterinnen, die Entwürfe in einen Schnitt umsetzen? Wo die Ateliers, in denen Schneiderinnen akkurat aus Schnitten Kleidungsstücke fertigen? Kreativität ohne Handwerk hat keine solide Basis. Städte wie Paris, Mailand oder London, in denen es nicht durch Krieg, Ideologie oder Ignoranz zur Zerschlagung der textilen Dienstleistungsbetriebe kam, sind gegenüber Berlin im Vorteil. Doch Berlin konkurriert ja nicht in der Kategorie „Hohe Schneiderkunst“, sondern hat sich vor allem beim Unabgeschlossenen, Unfertigen und Zusammengewürfelten einen Namen gemacht.

Julia Stelzner lässt in ihrem Buch die Frage offen, was denn das Typische der Berliner Mode sei. Vielleicht ist es gerade die Melange aus Unaufgeräumtem und Unfertigem, die einem bestimmten Typ von Designern entgegenkommt, jedenfalls für einen gewissen Zeitraum. Und wenn sich deren Interessen ändern oder die Rahmenbedingungen in der Stadt, ziehen sie weiter. Designer sind keine Lokalpatrioten.

Kann in einer globalisierten Welt überhaupt noch gesagt werden: das ist Berliner Mode, das ist Londoner Mode, das ist Pariser Mode? Woran sollte das festgemacht werden? Am Pass? An der Adresse des Ateliers? Am Produktionsstandort? An der Teilnahme an lokalen Modewochen? Wie schnell sich etwas ändern kann, zeigt gerade das Berliner Beispiel. Seit Redaktionsschluss von Julia Stelzners Buch, hat „Firma“, ein Label der ersten Stunde, aufgegeben, Achtland zieht es wegen besserer Vermarktungsmöglichkeiten nach London, und die Messe „Bread and Butter“, viele Jahre das Aushängeschild der Berliner Modewoche, hat einen Teilrückzug angekündigt. Gleichzeitig kommen neue Designer wie Tim Labenda oder Roshi Porkar in die Stadt, und neue Modemessen wie die „Curvy is Sexy“ etablieren sich. Die Karten werden wieder neu gemischt.
Julia Stelzners Buch „Berlin Fashion“ ist kurzweilig und bunt – wie die Berliner Modeszene.

Text: © Rose Wagner