Berliner Modesalon – Fashion Week Berlin FW 2015

Berliner Modesalon – Fashion Week Berlin FW 2015

Talbot Runhoff Foto: © DBMS

Die wichtigste Neuigkeit der Berliner Modewoche im Januar 2015 war die Gründung einer Modekammer – den Berliner Modesalon. Was sich in den Modemetropolen Paris, London und Mailand seit langem bewährt hat, gibt es nun auch hierzulande: einen schlagkräftigen Verband, der koordiniert die Interessen der nationalen Modeindustrie vertritt und die internationale Konkurrenzfähigkeit ihrer Produkte effektvoll in Szene setzt. Die Erwartungen an den neuen German Fashion Design Council sind hoch.

Christiane Arp, die Chefredakteurin der deutschen Vogue, übernimmt den Vorsitz. Aus ihrer Sicht steht die Berliner Modewoche am Scheideweg: hinab in völlige Bedeutungslosigkeit oder hinauf zu neuen Höhen. Gemeinsam mit Marcus Kurz von der Agentur Nowadays – ebenfalls Gründungsmitglied der Modekammer – lud sie vom 19. bis 21. Januar 2015 zum ersten Berliner Modesalon ins Kronprinzenpalais.
Achtzehn deutsche Modedesigner präsentierten wichtigen Einkäufern, Medienvertretern sowie einem Fachpublikum in einer Gruppenausstellung Looks ihrer aktuellen Herbst / Winterkollektion und standen für Gespräche während des Berliner Modesalons zur Verfügung.

Modenschauen, Fotoausstellungen und Podiumsdiskussionen komplettierten die Veranstaltung.
In entspannter Atmosphäre konnte das Publikum sich in aller Ruhe umschauen. Alles stimmte: die Terminierung in einer Zeit des Umbruchs, in der von vielen die Uniformität des Casual Looks als überholt erlebt wird, das edle Ambiente des Ortes, die Choreographie und die Musik.

In Diskussionen war zuvor der Ruf nach mehr Wagemut der deutschen Mode laut geworden. Den Designern im Berliner Salon mangelte es daran nicht.

Marina Hoermanseder zeigte in einer langsamen, stilisierten Laufstegschau aufwendig gefertigte Lederröcke und –kleider, die orthopädischen Stützapparaten des 17. Jahrhunderts nachempfunden sind und in spannungsreichem Kontrast zu federleichten Mohair-Oberteilen stehen. Ein bis zum Brustansatz hochgeschnürter Lederrock mit auffallenden Schnallen, goldfarbenen Nieten am Reißverschluss und einer tonnenförmigen Auswuchtung an den Hüften ließ an die exaltierte Schachfigur der roten Königin in Lewis Carrolls Alice im Wunderland denken.

Marina_Hoermanseder Foto: © NOWADAYS

Marina_Hoermanseder Foto: © NOWADAYS

Andere Entwürfe mit Culottes, Nickituch und doppelten Umhängetaschen scheinen dem Zeitalter der frühen Industrialisierung entstiegen zu sein. Historisierend wirkte das Ganze trotzdem nicht, sondern durch moderne Schnittführung und überraschenden Materialmix frisch und anschlussfähig.

Völlig anderen Zusammenhängen entnehmen die Designer Talbot Runhof die Anregungen für ihre neue Kollektion. Die Dessinierungen im Druck ihrer hochwertigen Stoffe spiegeln Farbigkeit und Muster von Fliesenfußböden in mallorquinischen Adelspalästen wider (lt. Beiheft). Der plastische Eindruck wird durch unterschiedliche Stofftypen verstärkt.

Tim Labenda lässt sich von der Flora und den eisigen Farbtönen Alaskas und Islands zu Prints und Patchwork-Arbeiten anregen, die im urbanen Kontext verblüffend wohlig wirken.

Tim Labenda Modesalon 2015 Foto: © NOWADAYS

Tim Labenda Modesalon 2015 Foto: © NOWADAYS

Isabell de Hillerin zeigte maskuline Schnitte in dunklen Farben, die durch kontrastierende Bordüren aus traditioneller rumänischer Stickerei eine feminine Note bekommen.

Modesalon Isabell de Hillerin_Foto: © NOWADAYS

Modesalon Isabell de Hillerin_Foto: © NOWADAYS

Hien Le stellte im Treppenhaus des Kronprinzenpalais aus. Er bringt mit selbstentwickeltem Print, intensivem Blau und der Verarbeitung von Swarovski-Kristallen neue Akzente in seine Kollektion.

DBMS_Hien_Le_Credit_NOWADAYS
Einen ganzen Raum nahm die Kollektion No. 12 von ODEEH mit Kleidungsstücken ein, die alle miteinander kombinierbar sind. Die Looks von Otto Drögsler und Jörg Ehrlich zeigen eine unverwechselbare Handschrift, die von streng zu lässig changiert, gebändigte Opulenz zeigt und im Hier und Jetzt verankert ist. Hier wird Schneiderhandwerk auf hohem Niveau praktiziert.

Leyla Piedayesh von Lala Berlin lancierte eine reine Abendmoden-Linie. Ihre Prinzessinnen- Gewänder sind vom Aschenputtel-Märchen inspiriert mit einem Hauch Fantasie-Eskapismus.

LALA Berlin Modesalon 2015 Foto: © NOWADAYS

LALA Berlin Modesalon 2015 Foto: © NOWADAYS

Strickmode hängt immer noch der Geruch des Biederen an. Umso bemerkenswerter, dass im Berliner Salon mit Allude und Iris von Arnim gleich zwei Marken für Luxus-Strick vertreten waren. Erstere fällt durch die ungewöhnlich leuchtenden Farben auf, in denen die feine Kaschmir-Wolle verarbeitet wird, letztere durch die plastischen Oberflächenstrukturen, die durch Zopfdetails und unterschiedliche Maschenarten gewonnen werden.

ALLUDE Modesalon 2015 Foto: © NOWADAYS

ALLUDE Modesalon 2015 Foto: © NOWADAYS

Exklusive Pelz- und Ledermode kam vom Label Schacky aus München, wo das Tragen von Pelz nicht so ideologisch aufgeladen ist wie im politisch korrekten, puritanisch und sozialistisch geprägten Berlin, wo sich nur geschmacksresistente reiche Russinnen in üppige Pelze hüllen oder verhärmte ältere Frauen, die ererbte schäbige Persianer in Schwarz auftragen.
Schacky verarbeitet Kaninchen, Nerz, Fuchs und Lamm. Die Teile sind ungefüttert, offenkantig verarbeitet und ungewöhnlich leicht. Angesichts der lässigen Eleganz dieser Pelz- und Lederkleidung, deren Rohmaterial aus kontrollierter und zertifizierter Tierzucht stammt und die ausschließlich in Deutschland gefertigt wird, drängt sich die Frage auf, warum das Tragen von Pelz so verpönt ist, sich aber kaum jemand über Schuhe und Taschen aus solchem Leder aufregt, das unter brutalen Bedingungen auf Schlachthöfen in Asien gewonnen wird. Vielleicht tragen Label wie Schacky dazu bei, die Diskussion über ethische Produktstandards zukünftig entspannter zu führen. Die Ächtung von Pelzkleidung hat aber sicherlich auch etwas damit zu tun, dass das offensichtliche und genüssliche Zurschautragen von Luxus in Deutschland und vor allem in Berlin noch lange nicht selbstverständlich ist.

Schacky Modesalon 2015 Foto: © NOWADAYS

Schacky Modesalon 2015 Foto: © NOWADAYS

Auch die Labels Dawid Tomaszewski, Dorothee Schumacher, Haltbar, Malaika Raiss, Augustin Teboul, Michael Sontag, Perret Schaad und René belegten mit ihren Laufstegschauen, Installationen sowie Entwürfen auf Figurinen im Berliner Modesalon das breite Spektrum des kreativen deutschen Modedesigns, das sich international sehen lassen kann.

Wenn der German Fashion Design Council nach diesem furiosen Auftakt so weiter macht, kann seine Vorsitzende Christiane Arp bei der nächsten Berliner Modewoche vielleicht verkünden, dass Schwarzseherei nicht mehr angebracht ist.

Text: © Rose Wagner
Fotos: © NOWADAYS