DER BERLINER STIL

DER BERLINER STIL

von Rose Wagner

Tragen Sie Polohemden mit hochgestelltem Kragen? Eine Perlenkette? Achten Sie darauf, dass Ihre Strümpfe keine Laufmaschen haben? Dann sind Sie spießig. Tragen Sie Push-up-BHs, „Protz-Uhren“ und Gürtel mit Designer-Logo? Dann sind Sie prollig. Rucksäcke, bunte Strumpfhosen und Trekking – Sandalen mit Klettverschluss sind ebenfalls „modische No-Gos“ und absolut tabu. Wenn Sie sich ändern wollen, für Anregungen offen sind und eine nonchalante Note in Ihre Garderobe bringen wollen, dann könnte der „Berliner Stil“ von Angelika Taschen etwas für Sie sein.



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Für die ehemalige Verlegerin, die seit einigen Jahren im Trend – Viertel Prenzlauer Berg lebt, ist Berlin die Hauptstadt des Anti-Chic, und ihr Stilführer singt das hohe Lied einer spezifisch urbanen Lässigkeit. Elfenhafte Maxikleider werden mit einer Prise „Hells Angels“ aufgepeppt : schwarze Biker – Jacke und derbe, Boots. Zur Jogginghose – natürlich aus Kaschmir – sind High Heels am besten, der Angora-Pullover sollte mit einer „extra auf kaputt“ ge machten Jeans kombiniert werden und Mützen müssen aussehen, als seien sie selbstgestrickt.

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Berliner Stil. Dana Roski und Joyce Binneboese, Inhaberinnen eines Concept Store in Mitte.
Foto © Sandra Semburg / Knesebeck

Parka, Jeans, Blazer, Strickpullover und Lederjacke sind für die stilbewusste Berlinerin unverzichtbare Basics. Es dürfen jedoch nicht irgendwelche Teile sein, denn „Codes, klar definierte Symbole und Details“ entscheiden, was geht und was nicht geht. Es sollte schon der Original US Army Shell Parka M51 sein oder einer von der Bundeswehr. Für die Röhrenjeans empfiehlt Angelika Taschen das Label Acne und für den Blazer – auf keinen Fall ein Doppelreiher! – aus feinem grauen oder dunkelblauen Wolltuch „Comme des Garçons“. Accessoires wird ein ganzes Kapitel gewidmet. Designer-Taschen müssen Vintage sein, und die „Louis-Vuitton-Tasche darf um Himmels willen nicht brandneu sein“. Jutebeutel gehören in Berlin zur textilen Grundausstattung, am besten solche „von kulturaffinen Events oder Geschäften“, denn sie lassen die lässige Berlinerin noch lässiger erscheinen. Richtig cool wird das Outfit mit den richtigen Schuhen. Kopfsteinpflaster ist kein Grund, auf Stiletto-Absätze zu verzichten, die Boots sollten aussehen, „als hätte man darin gerade zwei Tage auf einem Festival getanzt“, und die High Heels werden selbstverständlich barfuß getragen, „auf keinen Fall hautfarbene Strümpfe anziehen“. Ugg Boots sind nur zum Yoga oder als Hausschuhe zugelassen.

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Foto: © Rose Wagner

Tatsächlich gibt es in Berlin diese schlanken jungen Frauen , die der Inbegriff des lässigen, unverkrampften Chic sind. Aber ist das wirklich der Berliner Stil oder bloß der Stil des trendigen Milieus in Berlin-Mitte, der Torstraße und des Käthe-Kollwitz-Platzes? Wen es auf die Seestraße in Wedding verschlägt, die Wilmersdorfer in Charlottenburg, auf den Kurfürstendamm oder die Karl-Marx-Allee in Neukölln, wird ebenfalls einen Berliner Stil erleben, aber jeweils einen anderen. Was Berlin ausmacht, sind seine Vielfalt, das allgemeine Down – Dressing und die weitverbreitete ästhetische Nachlässigkeit. Anders als in Städten wie München oder Hamburg existiert in Berlin keine kulturelle Elite mit modischem Vorbildcharakter.

Der Stilratgeber von Angelika Taschen – in Zusammenarbeit mit der Modebloggerin Alexa von Heyden entstanden – lebt von den Bildern. Wenn man es nicht zu ernst nimmt, macht das Buch trotz seiner verengten Sicht durchaus Spaß. Neben den modischen Tipps enthält es Adressen von ungewöhnlichen Lokalen, versteckten Läden und Berliner Designern. Manches wurde so noch nicht zusammengetragen, und selbst die Berlinerin kann noch etliches Neue entdecken.

Das Buch wirkt wie eine Nachahmung des erfolgreichen Stilratgebers „La Parisienne“ von Inès de la Fressange. Guter Stil wäre es gewesen, das auch einzuräumen. Dass sich gleich nach dem Entfernen der Plastikverschweißung der Einband des Buches ablöste, deutet auf eine gewisse buchbinderische Nachlässigkeit hin. Auch wenn das Buch inhaltlich von der großen Lässigkeit handelt, sollte es beim Buchdruck sorgfältiger zugehen.

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Foto: © Rose Wagner

Taschen, Angelika, mit Alexa von Heyden: Der Berliner Stil. Die besten Looks, Geheimtipps
und Adressen. Knesebeck Verlag, München, 2013.
240 S., ca. 300 farb. Abb.Uniforme Lässigkeit

Foto oben: Buchcover mit Angelika Taschen. Foto © Knesebeck