Der Gentleman nach Maß.

Der Gentleman nach Maß.

Italienischer Gentleman in Maßkleidung in London auf dem Weg zur Savile Row Foto: © S. O. Beckmann

Wenn Kleidung zur Passion wird

Ein handgemachtes Kleidungsstück ist zweifelsohne etwas Wunderbares. Handgeschneiderte Kleidung sitzt wie eine zweite Haut. Sie schmiegt sich an und geht mit dem Körper eine übereinstimmende Symbiose ein. Es ist also verständlich wenn handgefertigte Kleidung zur Passion wird. Obwohl das Wesen unserer Zeit der schnelle Konsum mit schnell wechselnden Trends ist, gibt es noch die Nische der zeitlosen Gentlemen, die den Stil und Sinn für exklusive, handgefertigte Maßanzüge nicht nur zelebrieren, sondern in der Maßkleidung zum Lebenskonzept gehört.

In Deutschland besetzt die Szene der Gentlemen eine Nische, deren Merkmale bis ins Detail studiert und zelebriert werden. Gentleman zu sein ist eine Entscheidung und setzt die Passion für einen kultivierten Lebenstil voraus und zwar bis ins letzte Detail.

Dazu gehört an erster Stelle die absolute Obacht auf den perfekten Kleidungsstil, der in seiner edelsten Ausführung in der Maßkleidung seine Vollendung findet.

Bernhard Roetzel widmet sich der Passion nicht zum ersten Mal in einem Buch. Nach dem in 20 Sprachen übersetzten “Gentleman” ist nun sein 10. Buch erschienen. Der Titel sagt schon alles “ Der Gentleman nach Maß “.

In 10 Kapiteln widmet sich der Buchautor und Stilberater der Maßkleidung für den Mann.
Er beginnt mit der Definition und den Vorzügen eines handgefertigten Anzugs, stellt diesen Konfektionsware gegenüber und bestreitet nicht, dass ein Gentleman auch in einem Anzug von der Stange gut aussehen kann. Er betont es immer wieder –einen Anzug individuell anfertigen zu lassen, ist eine Entscheidung. Selbst das Preis – Leistungsverhältnis lässt der Gentleman Roetzel nicht außer Acht.
Viele Gentleman bedienen sich auch der Maßkonfektion oder leben einen Mix aus Maßschneiderei, Maßkonfektion und Konfektionsware. Das ist legitim und wird hier auch nicht verurteilt. Schließlich haftet einem richtigen Gentleman nicht immer ein fettes Bankkonto an. Und da ist der Vergleich von einem Konfektionsanzug gegenüber einem Maßanzug ganz gerecht. Bei guter Pflege allerdings, trägt Mann ein zeitloses, handgefertigtes Lieblingsstück in hochwertiger Qualität auch nach Jahren noch in tadelloser Erscheinung.

Ganz für den Laien bestimmt beschreibt Roetzel, woran man Maßkleidung erkennt, wie sie entsteht und welche Kriterien, Materialien und Handfertigkeiten zu einem qualitativ hochwertigen, perfekt sitzenden Anzug, Mantel oder Hemd gehören. Dabei geht er auf die Produktion des Materials genauso ein, wie auf die Schnitttechniken und das Werkzeug des Schneiders.

Der Savile Row in London ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Es gibt Einblick in eine der berühmtesten Viertel für männliche Maßkleidung – in seiner Entstehung, seinen Blütezeiten, seinen Flaneuren und Protagonisten wie Richard Boyle, dem Earl of Burlington im 18. und der konsumfreudigen High Society des 19. Jahrhunderts. Bis heute sind dort Maßateliers und Tuchhändler ansässig, die sich seit 250 Jahren in Familienbesitz befinden. Auch hier macht der Autor eine Stippvisite in einzelne Ateliers des Viertels und stellt sie vor.

Wie erkennt man einen Maßanzug
In Unterkapiteln werden Details beschrieben, wie man beispielsweise erkennt, woher ein Anzug stammt. Dort geht Roetzel auf neapolitanische Schultern, das zweite Knopfloch im Revers eines traditionell gefertigten englischen Anzugs und Schlupffutter in italienischen Anzügen ein.
Es ist nicht allein der Stoff oder wie Muster trotz Naht ungebrochen fortgeführt werden. Einen Maßsanzug erkennt man u. a. am Sitz der Weste, die den Hosenbund verdeckt. Konfektionierte Westen sind in der Regel kürzer und kombinierbarer.
Natürlich zeugt auch das Etikett von der Herkunft des Anzuges, das traditionell im Innern auf der rechten Innentasche des Sakkos aufgenäht ist. Selbst dies wird hier in einem kleinen Abschnitt besprochen.

Das Schnittmuster ist die Basis aller Maßarbeit
Auch an dieser Stelle lässt Roetzel einen wirklichen Interessenten nicht im Dunkeln. Maße, Zuschnitt und Schnittmuster werden historisch erklärt und in den heutigen Kontext gesetzt.

Die Entstehung eines Anzugs wird vom ersten Besuch im Atelier des Maßschneiders, der Auswahl des Stoffes, vom genauen Maßnehmen, der Schnittanfertigung, über sämtliche Arbeitsschritte bis zur letzten Anprobe in Fotos und Texten sehr anschaulich beschrieben. Dafür besuchte der passionierte Gentleman exklusive Ateliers von Herrenmaßschneidern und stellt einige ausgewählte aus dem europäischen Raum vor. Darunter Kathrin Emmer/Berlin, Netousek/Wien, Cesare Attolini/Neapel, Mark Powell/London.

Selbst territoriale Unterschiede – wie die englische, deutsche und italienische Linie stellt er vergleichend gegenüber und erklärt den Unterschied im Geschmack von Weinen einer Rebsorte aus unterschiedlichen Ländern.

Das Tuch – der Stoff
Ein handgefertigter Anzug allein ist kein Merkmal für hochwertige Maßarbeit. Der Stoff und die Qualität der Wolle spielen eine wichtige Rolle. So gibt es schwere und leichte Stoffe, die eine unterschiedliche Aufbauweise des Anzugs erzwingen, um eine gute Passform zu gewährleisten. Das Garn und die Webart geben ebenfalls Zeugnis für Habtik, Strapazierfähigkeit und Lebensdauer des Materials. Auch hier gibt “Der Gentlemna nach Maß “ einen Einblick in die Produktion von Stoffen und stellt marktführende Edeltucher vor. Natürlich besuchte der Autor u. a. Scabal und die Stoffhandlung Jungmann & Neffe aus Wien, die er nicht nur als geschichtsträchtig, sondern auch als die schönste der Welt bezeichnet.

Damit ein angehender “Gentleman “ auch mitreden kann, ihm die Auswahl der Stoffe erleichtert wird, gibt es eine kleine Einführung in das Fachvokabular für Stoffe mit einer Auswahl an Dessins für Anzüge.

Tweed wird hier in eine Sonderrolle eingeräumt. Die speziellen Bezeichnungen der aus dem britischen Sprachraum stammenden Webart sind auch der textilen Welt nicht unbedingt geläufig.

Ein Maßsanzug allein macht noch keinen Mann zum Gentleman.
Das Hemd und ein maßgeschneiderter Mantel sind ebenfalls Bestandteil eines perfekten Gentlemanoutfits.
Diesen Themen widmet sich Roetzel detailiert mit anschaulichen Fotos und beschreibenden Texten. Das Buch gibt einen Einblick in die Fertigung der Hemden vom Maßnehmen, der Stoffauswahl, dem Zuschnitt bis zum Einsticken des Monogramms.

Selbst das zweite Leben zerschlissener Hemden wird behandelt. Da handgefertigte Maßhemden nicht mit ein paar Euros finanziert sind, die Verschleisserscheinungen früher zu Tage treten als bei einem Anzug, kann ein Hemd an Kragen und Manschetten “reanimiert “ werden. Einige Hemdenmaßschneider liefern oft gleich einen zweiten Satz Manschetten und Kragen mit, andere erneuern verschlissene Stellen und beleben das Hemd so neu.
Man könnte es auch als recycelte Kleidung bezeichnen. Auf jeden Fall leben Maßanzugträger ”ganz im Trend unserer Zeit” nach Maßstäben der Nachhaltigkeit.

Bernhard Roetzel besuchte das Pendant der Savile Row in London, die Jermyn Street. Hier sind Maßhemdenschneider bzw. Shirtmaker angesiedelt. Eine der erfolgreichsten unter Ihnen ist eine Frau – Emma Willis. Andere Unternehmen aus Österreich und Frankreich sind Gino Venturini aus Wien und Charvet aus Paris.

Das Accessoire
Zu einem perfekten Outfit gehört entsprechendes Accessoire – die Krawatte. Mit einem Schnellkurs in allen Einzelheiten – von der Fertigung bis zur Beratung zur Auswahl der richtigen Binder kann sich der Leser einen schnellen Überblick verschaffen.

Zum Nachschlagen für den Laien klingt der Band mit einem Glossar aus, indem von A bis Z die Fachsprache des Maßschneiders aufgeführt ist.

Und wenn ein Mann sich dann doch entschließt, ein Gentleman nach Maß zu werden, bildet eine Adressliste von Tuchhändlern, Maßschneidern und Hemdenmachern aus ganz Europa den krönenden Abschluss.

Das als Prachtband beworbene Buch ist in seiner Erscheinung weniger prachtvoll als ein gutes, solides Bindewerk mit Halbleinenrücken und gewebtem Lesebändchen. Es ist ein gelungener Wegweiser durch die Herrenmaßschneiderei und zwar europaweit. Die vielen Fotos u. a. von Erill Fritz dokumentieren die handwerklichen Arbeitsschritte der Schneiderei sehr anschaulich und vereinfachen dem Leser das Verständnis für das Handwerk und die Enstehung einer Maßanfertigung. Darüber hinaus gibt es Einblicke in die Herstellung der Stoffe, von der Schafzucht angefangen bis zum hochwertig verarbeiteten Tuch.

Ein sehr gelungenes Werk, das nicht nur für den angehenden Gentleman geeignet ist. Es weckt Interesse und macht Spaß, in die Welt der Maßschneiderei – auch auf einer Reise nach Berlin, Wien, London, Paris oder Mailand einzutauchen.

Der Gentleman nach Maß
Maßgeschneiderte Herrenkleidung

Autor: Bernhard Roetzel
224 Seiten, Format: 24,8 cm x 29,1cm
ca 300 Fotografien, durchgehend vierfarbig
Hrsg. h. f. ullmann publishing, Potsdam 2014
Euro: 49,90

Am 6. November 2014 fand in der ERFRISCHUNGSHALLE in Potsdam Babelsberg eine Buchvorstellung statt. Mehr INFOS AUS DER ERFRISCHUNGSHALLE>>

Text: © Susanne O. Beckmann