DER LETZTE SCHREI

DER LETZTE SCHREI

Kaputze mit Waschbärfell © VIER PFOTEN

Wenn Ihnen Ihr Hund die kalte Schulter zeigt, ziehen Sie ihm das Fell über die Ohren. Falls Ihnen dabei selber nicht warm ums Herz wird, ziehen Sie einfach ein bisschen kräftiger. Dann teilt er das Schicksal von 100 Millionen anderen Felltieren. Der Grund für ihren Tod ist mindestens genauso schockierend, wie die Taser oder auch Elektroschockpistole- das Werkzeug zur Tötung für die Fell- und Pelzindustrie. Doch es gibt Hoffnung.

Die braunen Felle an Winterjacken und Fellpantoffeln ignoranter und trendorientierter Konsumenten haben bei genauem Hinschauen eine Abtö(r)nung durch Blut, zumeist Made in China. Das Land ist aufgrund mangelnder Tierschutzgesetze sehr beliebt für die Fellproduktion.

Die Badelatsche mit Pelzbesatz. Der letze Schrei. Foto: Rafaell Poschmann

Besonders oft zum Einsatz kommen hierfür extra gezüchtete Marder- und Waschbär-Hunde. Auf den Pelzfarmen im kalten Norden Chinas bilden sie schnell Winterfell aus. Sobald Haut und Haar für einen nutzlosen Kapuzenbommel gut genug sind, haben die Hunde ausgespielt. Arbeiter schleifen sie über die harten Steinböden, knallen sie wuchtig gegen Mauern und häuten sie bei lebendigem Leibe. Wenn die Tiere nicht gerade entsetzlich quiekend und schreiend ihrer eigenen Häutung beiwohnen, sitzen sie bei der Schlachtung der anderen Artgenossen in der ersten Reihe.

Die neuen Leiden des jungen Waschbärs
Die katastrophalen Produktionsumstände bewegten das Deutsche Tierschutzbüro zur Kampagne „Bogner tötet“. Durch die Zurschaustellung von Kadavern vor Bognerfilialen und einer breit gefächerten Öffentlichkeitsarbeit konnten die Tierschützer Bogner dazu bewegen, in ihrer neuen Fire-and-Ice-Kollektion keine Tierfelle zu verwenden. Immerhin – ein Erfolg.

Durch zahlreiche Aktionen wie diese reagieren die Unternehmen. Die übergroße Aufmerksamkeit der Antipelzkampagnen beeinflusst den Konsumenten. Doch findet bei den Unternehmen ein Umdenken nicht aufgrund plötzlich aufkommender Tierliebe statt, sondern rein aus profitablen Gründen. Denn auf den Umsatz einer Firma hat der Kunde immer noch den größten Einfluss. Dass man sich dem gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Druck gebeugt hat, festigt die Rolle von Mode als Spiegel dieser transparenten und umweltbewussten Zeit.


Die hohe Kunstfaser der (Ent-)Täuschung durch Echtpelz

Diese Entwicklung bewahrt die Pelz- und Felltiere aber noch lange nicht von ihren Qualen. Auch wenn die großen Konzerne mit einem blauen Auge davongekommen sind, so werden die Vierbeiner auf den kalten Farmen noch lange nicht ihr Schicksal teilen. Denn nur weil die Firmen den Anteil an Echtpelz drastisch senken, heißt es noch lange nicht, dass er nicht mehr benutzt wird.
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Eingezwängt auf die Häutung wartend. Foto: PETA/Karremann

Da die Kontrollen nicht sonderlich streng ausfallen, halten sich viele nicht an die EU- Richtlinien. Diese sehen vor, dass die Händler verwendeten Echtpelz ab einem bestimmten Anteil deklarieren müssen. Doch entweder ist die Menge für eine Kennzeichnung zu gering oder die Händler schreiben es gar nicht ins Etikett und nehmen mit einem tierischen Fellanteil von 100% ein Bußgeld in Kauf. Das ist für sie günstiger, als wenn sie den vergleichsweise teuren Kunstpelz verwenden.
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Kunstpelz und Echtpelz. Wie man sie erkennen kann.Foto: PETA

Der günstigere Preis des Echtfells lässt sich mit dem Überangebot aus China und der weniger aufwendigeren Verarbeitung erklären, an deren Ende sich Echtfell und Kunstfell nur mit verschiedenen Tests auseinander halten lassen.

Die Verantwortung liegt auch beim Konsumenten
Und hier ist auch der Konsument in der Pflicht: Entweder man kauft sich bei zweifelhafter Herkunft oder fragwürdigem Etikett erst gar nicht ein solches Produkt und lässt den Trend Trend sein. Man kann auch das Fell in vier verschiedenen Stufen testen. Dabei sieht man sich zunächst an, ob sich am Unterfell auch kleine gewellte Haare befinden, die auf einen tierischen Ursprung hindeuten. Pustet man hiernach ins Fell und bewegen sich die Haare wieder zurück in die Ausgangsposition, kann man sich sicher sein, dass dies kein Kunstpelz darstellt. Die Feuerprobe offenbart die Herkunft. Brennt es ohne Rückstände weg, ist der Pelz echt. Konsumenten können also mit ihrer Entscheidung auch am Rad drehen, um die Unternehmen in ihrem Handeln zu beeinflussen.

Es bleibt aber auch zu hoffen, dass die Unternehmen von sich aus umdenken und ihre Produktion umstellen. Solange die Kontrollen jedoch nicht härter und Kunstfasern nicht billiger als Tierfell werden, ist damit nicht zu rechnen. Sie werden auch nicht beim qualvollen Quieken eines lebendig gehäuteten Felltieres aufwachen. Erst wenn der letzte Schrei des Marder-Hundes die Gesellschaft in Mark und Knochen erschüttert hat, werden die Konzerne keinen so ruhigen und gewissenhaften Winterschlaf mehr halten.

Text: Nils Langenhop