Die Kleider der Bohéme

Die Kleider der Bohéme

Die Bohéme im Cafe Momus feiert ausgelassen. Foto: Mara Eggert.

La Bohéme in der Staatsoper Berlin

Die Staatsoper Berlin unter den Linden ist wieder eröffnet. Eigentlich sieht es gar nicht so anders aus als vorher. Ja, es ist etwas sauberer und ja, der Bühnenraum ist etwas erhöht. Oberflächlich betrachtet hat sich nicht wirklich viel verändert. Aber was hatte man auch erwartet. Aus unserer alten Staatsoper wird keine Elbphilharmonie.
Mit dem Publikum kehren die Inszenierungen zurück. Auch sie sind nicht unbedingt neu. Die Oper „La Bohème“ wurde am 27.12.2017 zum 72. Mal mit der Inzenierung von Lindy Hume und dem Kostümbild von Carl friedrich Oberle aufgeführt. Also alles wiederholt sich. Auch das Leben der Boheme findet seine Wiederholungen in neuen Formen. Es ist wie mit der Mode.

1851 schrieb Henri Murger den Roman „Scènes de la vie de bohème“, deren musikalische Verarbeitung mit Texten von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa in Puccinis Oper „La Boheme“ 1896 als Oper uraufgeführt wurde. Mit dem Roman beschrieb Murger sein und das Leben seines Freundeskreises als Künstler, die je nach Auftragslage ein besseres und schlechteres Leben bestritten. Ersteres waren meist die Ausnahmen.
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Mimì und Rodolfo im Atelier. Foto: Mara Eggert

Das Armut, mit der Vision und dem zurechtgerückten Selbstbild eines Bohémien, von der Kunst leben zu können, das Leben leichter macht, ist ein gängiges Mittel um prekäre Umstände erträglicher zu machen. Leben, Leiden und Lieben ist auch einem armen Poeten geschenkt. So ergeht es Rodolfo und seinen Freunden. Am Weihnachtsabend sitzt er frierend mit seinem Freund Marcello in seiner Mansarde vor dem kalten Ofen. Aus Mangel an Brennholz bedient er sich seiner geschriebenen Manuskripte, um ein kurzes Feuer zu entfachen. Schaunhard, der befreundete Musiker und Colline, Philosoph, kommen dazu. Nur Schaunhard kann sich über einen Auftrag freuen. Der Abend soll im Stammcafe Momus, im Quartier Latin in Paris, fortgeführt werden. Rodolfo bleibt zunächst zurück, um sein Manuskript zu beenden. Mimì, seine Etagennachbarin, klopft und bittet um Feuer. Sie verliert ihren Schlüssel. Mit der Suche danach im Dunkeln, beginnt eine Liebesgeschichte zwischen den beiden.
Rodolfo und Mimì gesellen sich zu den anderen Freunden ins Cafe und feiern ausgelassen. Musetta, die frühere Geliebte Marcellos, sitzt mit ihrem derzeitigen betuchten Liebhaber, dem Staatsrat Alcindoro, gelangweilt am Nebentisch. Sie beginnt einen Flirt mit Marcello, der darauf eingeht. Musetta, die eigentlich in ihren amourösen Errungenschaften nach einem luxuriösen Leben strebt, schickt Alcindoro weg und widmet sich mit ihrer ganzen Weiblichkeit Marcello.
Die beiden Paare lieben und streiten, trennen sich und kommen wieder zusammen. Krankheit und Tod bleiben ihnen nicht erspart. Mimì leidet an Schwindsucht. Final treffen alle Protagonisten aus dem Freundeskreis – auch Schaunhardt und Colline – zusammen, um Mimì mit einer schweren Herzens abgetretenen und veräußerten Gabe lebensrettende Medikamente zu bringen. Das rettet die Zerbrechliche nicht vor dem Tod.

Viel Tartan, Tweed und Strick
Die Szene der Bohéme, die es heute so nicht mehr gibt, lebt allenfalls in den „Roaring Twenties“ oder „Bohème Sauvage“ Szenen wieder auf. Der Unterschied, dass diese Szenen nicht unter Geldmangel leiden.
Hat Carl Friedrich Oberle sein Kostümbild deshalb den 1920er/30er Jahren zugeordnet? Die Bohémien kennt man Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts aus Paris und Berlin. Die wollenden Tartanstoffe, Nadelstreifen, Tweed und Strick, die weiten Hosen, Tartanmäntel und -jacken stehen eindeutig für die Zeit. Sie sind absolut gelungen. Doch für die armen Künstler zu elegant, zu perfekt, zu wenig abgenutzt.
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3-D-Strickmuster gegen Tartan. Foto: Mara Eggert.

Mimì in zartem Rosa und hellem Blau, fast ein biederes und sehr geordnetes Erscheinungsbild, suggeriert die Zerbrechlichkeit, die es zu beschützen gilt.
Musetta, die mystische geheimnisvolle Frau, entschlossen, das Gegenteil von Mimì, ist teils in Violett gekleidet. In ihrem Auftreten schwingt kein Schimmer von Ärmlichkeit. Im Gegenteil, das Blau-violett in ihrer seidigen Robe ist zu prunkvoll für die Lebenssituation, in der sich der Freundeskreis befindet.
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Musetta und Alcindoro. Foto: Thomas Bartilla

Dan Porta überhöht in seinem Bühnenbild den Zustand des kalten, armen Künstlerdomizils mit seinen abgeranzten, zum Teil farbverschmierten Wänden des Ateliers. Zu sehr fließen Raum und Kostüm ineinander. Weniger ist oft mehr und es steht zu sehr in Konkurenz zum Kostümbild. Die visuelle Spannung versickert teilweise in der Fülle.

Die immer wieder neu positionierte Schaufensterpuppe, nur mit einer rosafarbenen Corsage bekleidet, wirkt in ihren provokanten Haltungen subtil verweisend auf Sex and Drugs. Unübersehbar auch der Link auf Mimì, die im gleichen Farbton der Corsage gekleidet, in rosa Strickjacke und Rock ins Atelier hereintritt. Verbirgt sich hinter Mimì auch ein Hauch der Verruchtheit oder sind es Marcellos und Rodolfos Fantasien? Klar wird das nicht ganz. Natürlich birgt Mimì in sich das Mädchen und die reife Frau, wenn sie die zartrosa Haube und den knallroten Mantel kombiniert. Sie ist beides. Mädchen und Frau. Sie will beschützt und begehrt werden. Vielleicht ist es das, was Rodolfo so an ihr liebt. Schließlich verlässt er sie, denn er kann sie aus seiner finanziellen Situation heraus nicht beschützen.

Rot zeigt das ganze Ausmaß von Leben, Liebe und Leid. Die roten drei L`s ziehen sich durch die gesamte Oper. Und schließlich komplettiert sich das Drama in dem Lichtspiel von Franz Peter David.

Rot ergießt es sich über den Bühnenboden, Rot ist Mimìs Mantel und Rot klebt an den morbiden Wänden des Ateliers. Das Rot in all seinen Facetten der Symbolik – vom prallen Leben bis zum Tod.
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Die Künstler feiernd im Atelier. Foto: Mara Eggert

Aber nicht nur Mimì und Musetta sind im Kostüm erwähnenswert. Die Ausstattung der männlichen Protagonisten ist weit aus differenzierter. 3D-Strickmuster setzt Oberle gegen großes, grobes Tartanmuster aus Wolle, ganz typisch für die Zeit. Anzughosen sind weit und fast schon wieder zu elegant für die verarmte Künstlerszene. Auch das Schuhwerk blitzt und wirkt fast neu und unversehrt.
Carl Friedrich Oberle zieht seine Strategie durch. Der Chor ist bis ins letzte Detail im Stil der 30er Jahre gekleidet. Doch bleibt er hier dezent in der Farbskala. Grau und Braun dominieren. Diese Zurückhaltung der Farben lassen den Hauptprotagonisten den Raum, den sie benötigen. Man muss auch hier sagen. Carl Friedrich Oberle hat die Symbolik der Farben tiefgründig treffend zum Einsatz gebracht.

Die wunderbaren Stimmen von Angela Georghiou als Mimì und Ramon Vargas als Rodolfo steigern sich im Laufe der Handlung Angela Georghiou überzeugt mit ihrem samtigen, raumfüllenden Sopran und ihrer Präsenz. Nicht umsonst zählt sie zu den 10 besten Mimìdarstellerinnen. Auch Vargas ersetzt Piotr Beczała, der ursprünglich für den Abend in der Rolle des Rodolfo vorgesehen war, wunderbar mit seinem Tenor.

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Chor der Staatsoper. Foto Mara Eggert

Eine Oper, die es lohnt, auch zum 72. 73. und 74. Mal anzusehen. Heute wirkt die Geschichte wie ein Märchen. Denn das hier dargestellte Leben der Boheme ist schwer in die heutige Zeit zu transferieren. Arme Künstler beziehen heute Harz 4 oder gehen einem Job nach, um ihrer Kunst und Leidenschaft nachzukommen. Am Ende zählt jedoch, was bleibt. Und das ist ein wunderbares Musikerlebnis, das nachhaltig wirkt.

Text: S. O. Beckmann, 2018-01-8