Die neuen Beine der Frauen

Die neuen Beine der Frauen

Anne Gorke SS 2014, Frau zeigt Bein – ob elegant oder urban. Hauptsache Bein – Foto © S. O. Beckmann

Barbara Vinken sieht es so: Der große Bruch kam mit der Französischen Revolution. Sie fegte auch die alten Kleiderordnungen hinweg, und die adeligen Männer streiften ihre straff sitzenden Strümpfe ab und stellten nicht länger ihre körperlichen Reize zur Schau. Kniebundhosen wurden abgelegt. Bevorzugtes Kleidungsstück wurde der Anzug, der bis heute die männliche Silhouette prägt. Mit dem Anzug wurde der Mann in seiner Kleidung modern und reihte sich in einen „Kollektivkörper“ ein, in dem klassenübergreifend eine Konvention für alle gilt. Männer vertun ihre Zeit nicht mehr vor dem Kleiderschrank und mit Überlegungen, was sie tragen sollen.
Bei den Frauen ging und geht es komplizierter zu, wechselhafter, anachronistischer und mit viel „historistischem Recycling“.

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Bamberg, Juni 2013. Foto © Rose Wagner

Wenn Barbara Vinken ihren Blick schweifen lässt, sieht sie Beine, Beine, Beine. Die stecken in engen Hosen, in Leggings, in Shorts und in sehr kurzen Röcken und sind unübersehbar inszeniert. So viel Bein haben Frauen noch nie gezeigt. „Die neuen Beine der Frauen entpuppen sich als die alten Beine der Männer“. Die sexuelle Komponente ist dabei jedoch sekundär, weil das weibliche Geschlecht als Schamzone aus dem Blick geraten ist. Heute kann fast alles gezeigt werden, ohne Aufregung zu erzeugen.

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links: Berlin, Juni 2012 / rechts: Rom, November 2013/ Fotos © Rose Wagner

Das ist ‒ kurz gesagt ‒ die Hauptthese in Barbara Vinkens Buch „Angezogen. Das Geheimnis der Mode“. Sie stellt weitere anregende Thesen auf. Unisex-Kleidung, die als Angleichung der Geschlechter und Aufhebung des erotischen Potentials von Mode gefeiert wird, stelle im Gegenteil eine Steigerung von Erotik dar, die durch das Sprengen herkömmlicher Gender-Vorstellungen bewirkt werde. Und sie behauptet, es gebe einen Orientalismus in der Mode, eine Unterwerfung unter das Unvernünftige, das Überflüssige und Dekadente, das aufregend befriedigend sei. Vielleicht ist Mode sogar Orientalismus?
Für Vinken verkörpert Michelle Obama mit ihren farbenfrohen modischen Inszenierungen und der Betonung ihrer Weiblichkeit das Orientalische. Ihre künstlichen Wimpern und Fingernägel haben ihren Ursprung im Varieté und fanden über den Umweg der schwarzen Kulturen den Weg in den Mainstream. Wenn sich eine emanzipierte Frau wie Michelle Obama so schmücke, zeige das, wie zeitgemäß vermeintlich Überholtes und Künstliches zelebriert werden könne. Zusammen mit der männlichen Anmutung ihres durchtrainierten Körpers repräsentiere Michelle Obama modische Weiblichkeit auf der Höhe der Zeit. So wie Barack Obama mit seinen unauffälligen, dunkelblauen, schmalgeschnittenen Anzügen der Inbegriff des modern gekleideten Mannes sei. Sein Aufzug signalisiere, dass der Träger sich auf das Wesentliche konzentriert.

Das Buch der Romanistik-Professorin Vinken ist anregend, selbst wenn nicht jede These überzeugt. Spannend und inspirierend sind ihre Interpretationen der Shows und Kollektionen von Alexander McQueen und Martin Margiela. Da läuft die Literaturwissenschaftlerin zu glänzender Form auf. Ihre langatmigen lehrbuchhaften Abhandlungen über die Klassiker der Modetheorie wären allerdings in einem Reader für ein Proseminar besser aufgehoben. Die Freude an der Lektüre wird auch beeinträchtigt, wenn das Fremdwörterlexikon zu Rate gezogen werden muss, um zu verstehen, wovon die Rede ist. Wer weiß schon, was eine „apotropäische Geste“ ist oder „tribadische Liebe“? Schade auch, dass die zentrale These nicht mit Bildern illustriert wird. In der Mitte des Buches befindet sich zwar eine Einheftung mit Abbildungen, doch es sind zu wenig, und sie befinden sich zudem an der falschen Stelle. Dennoch: Anregend ist das Buch. Und wer es gelesen hat, sieht plötzlich überall Beine, Beine, Beine.

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Paris, November 2013. Foto © Rose Wagner

Vinken, Barbara: Angezogen. Das Geheimnis der Mode. Stuttgart, Klett-Cotta, 2013.

Text: © Rose Wagner