Eine zweite Haut, ein Mutmacher und ein guter Freund

Eine zweite Haut, ein Mutmacher und ein guter Freund

Rechts: Katja Skoppek. Foto: Bernhard Ludewig.

INTERVIEW

Kunst und Tiefgründigkeit zur tragbaren Mode zu vereinen gelingt nur wenigen Designern. Eine davon hat kürzlich bei den FASH Awards auf der Mercedes-Benz-Fashion-Week SS2017 gewonnen. Ihr Name: Katja Skoppek. Im Interview verrät sie uns, wie man von einer Idee zu einer fertigen Kollektion kommt, inwiefern Mode politische und gesellschaftliche Prozesse darstellt und wieso die FH Bielefeld eine gute Wahl für ein Modestudium ist.
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Steppmantel aus der Kollektion „Belonging“ von Katja Skoppek. Fotocredit: Christian Doeller

Wie entstand die Motivation, die Kollektion nach dem Thema Geborgenheit und dem Zusammenspiel zwischen Nähe und Distanz zu gestalten? Was war der erste Grundgedanke?

Ich habe mich in der Theorie mit den Medien auseinandergesetzt, denn die stellen die Wichtigste unserer heutigen Kommunikationsformen dar. Dann habe ich mich gefragt, was einen bei dieser Kommunikationsform fehlt und bin nach einiger Zeit auf den Aspekt der Berührung gekommen. Kleidung ist ein solches Medium, das unsere Sinne am meisten berührt- es ist ein Allroundmedium der Haptik, man kann sie hören, sehen, fühlen, und riechen.
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Aus der Kollektion „Belonging“ von Katja Skoppek. Fotocredit: Christian Doeller

Und wie ging es weiter von dieser ersten Idee zur fertigen Kollektion? Wie ging der Gestaltungsprozess von statten?

Ich arbeite mir immer erst eine Theorie heraus, auf der dann meine praktische Arbeit beruht. Meine Inspirationsquelle hierfür ist das geschriebene Wort. Ich schreibe einfach auf, was mir gerade durch den Kopf geht und nutze die Bilder der Sprache, um mich inspirieren zu lassen. Wortspiele und Antithesen wie fern und nah finde ich besonders spannend und zu mir passend. Die Gefühle, die ich daraufhin beim Schreiben empfinde, versuche ich dann auf die Kleidung zu übertragen. Ich habe hierbei drei Theorien entwickelt: Zunächst einmal die Kleidung als Emotion und Berührung, ja einfach als Gefühl zu sehen. Kleidung ist in meinen Augen zudem ein konstanter Begleiter und meiner dritten Theorie nach auch eine Erinnerung. Diese drei Theorien ergeben zusammen die Geborgenheit und die Nähe als ein zentrales Merkmal meiner Kollektion. Besonders deutlich sieht man dies an meinen Daunenjacken, in die auch gut zwei Leute reinpassen könnten. Geborgenheit vermitteln uns auch treue Begleiter. Das müssen meiner Theorie nach nicht nur Menschen sein, sondern können auch Kleidungsstücke wie klassische Nadelstreifenmäntel oder klassische Blousons sein.
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Outfit 4 von Katja Skoppek aus der Kollektion „Security“. Fotocredit: Christian Doeller

Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und einen guten Mantel als eine Art Schutzschild ansehen. Wenn du einen schönen Mantel trägst, bzw. generell etwas Hochfertiges, dann trägst du eine größere Selbstsicherheit nach außen, es formt dein Inneres und holt mehr aus dir heraus. Hochwertige Kleidung kann wie eine zweite Haut, ein Mutmacher oder auch ein guter Freund sein, der dich stets verbessern will. Sie stimmt dich positiver und verbessert deine Haltung und deine Mimik, denn ein gutes Äußeres unterstützt dein gutes Inneres.

Welche Stoffe hast du für diese Wertigkeit und dieses beschriebene Wohlfühlen verwendet und worauf hast du bei der Stoffwahl geachtet? Welche Rolle hat überhaupt Nachhaltigkeit in deiner Kollektion gespiegelt?

Auch wenn viele Designer momentan auf dieser positiven Ökoschiene fahren, habe ich eher auf hochwertige, in Deutschland produzierte Stoffe wertgelegt. Es sind zum Teil Stoffe dabei, die meine Oma schon als Schneiderin verwendet hat. So auch Stoffe von Buddeberg und Weck aus Wuppertal. Größtenteils kam Schurwolle zum Einsatz aber keine Kunstfasern. Das hat nichts mit der Qualität dieser zu tun aber ich bin einfach davon überzeugt, dass Schurwolle und Biobaumwolle eine ganz andere Wirkung hat. Man spürt es und man sieht es. Die Schuhe zur Kollektion habe ich mit einem Künstler zusammen gegossen, die sind sehr special. Aber das Material bleibt mein Geheimnis.
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Outfit 6 von Katja Skoppek aus der Kollektion „Security“. Fotocredit: Christian Doeller

Nachhaltigkeit finde ich als Thema spannend, denn die Sachen, die ich entwerfe sind nachhaltig- Sie sind auf die Maße und Ansprüche des Trägers angepasst. Und das ist meine Nachhaltigkeitstheorie: Jedes Kleidungsstück sollte ein Leben lang halten und repariert werden können. Wenn der Träger sein Kleidungsstück so sehr liebt, dass er es reparieren möchte und kaum etwas anderes tragen will, ist das auch eine Form der Nachhaltigkeit. Er sollte eine innere Verbundenheit mit der Kleidung aufbauen und es möglichst nicht ersetzen aber ruhig ergänzen wollen. Es mag zwar unökonomisch klingen aber wenn ich den Käufer so glücklich machen, bin ich auch glücklich. Wichtig war mir diesbezüglich auch, dass meine Mode ready-to-wear ist. Denn Mode ist nicht nur ein politisches oder gesellschaftliches Medium, sondern natürlich auch zum Tragen da.

Apropos: Wie beurteilst du die aktuelle Entwicklung hinsichtlich der Fast-Fashion-Industrie?

Ich denke durch das Internet und seinen zahlreichen Angeboten hat sich der Umgang mit Mode, vor allem der mediale, radikal geändert. Die Besonderheit der Mode hat sich verringert, was einem generellen Phänomen folgt. Es gibt ein paar Klicks weiter immer etwas Besseres und Cooleres. Die Aufmerksamkeitsspanne für etwas hat sich extrem verkürzt. Damit meine ich, dass die Abstände zwischen den Punkten, wo man etwas cool fand, viel kürzer geworden sind. Der Fokus wechselt von einer interessanten Sache zur Nächsten. Dadurch ist es für die Designer nicht mehr so leicht, die Konsumenten für dieses eine Produkt lange zu begeistern. Das liegt wiederum auch an der Fast-Fashion-Industrie, die schnell teure und qualitative Sachen mit zum Teil gesundheitsschädlichen Materialen kopiert und imitiert. Ketten, die günstig verkaufen und noch günstiger produzieren. Das ist eine ganz andere Welt für mich. Ich drücke meine Mode in Poesie und Tiefgründigkeit aus, aber solche sind für mich einfach in vielen Hinsichten kriminell. Für diese steht nur der Profit im Vordergrund und nicht die Botschaft, die Mode vermitteln kann.
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„DIE FERNE NÄHE“ von Katja Skoppek. Fotocredit: Christian Doeller

Ein weiterer Designer und Gewinner des FASH-Awards hat seine persönliche Botschaft auch so gekonnt vermittelt wie du mit deiner Kollektion. Wie erklärst du dir, dass sich mit dir und besagte, Andreas Stang zwei Designer aus Bielefeld unter den ersten sechs befanden?

Wo Bielefeld doch eigentlich nicht als Modemetropole bekannt ist..
Wir haben denke ich mal beide davon profitiert, dass die deutsche Bekleidungsindustrie einen solch hohen Anspruch an die Qualität der Mode und der Theorie dahinter hat. Wir konnten diesem Anspruch vor allem durch das Studium bei unserer Professorin Willemina Hoenderken gerecht werden. Was mich ausmacht als Designerin, verdanke ich ihr. Nämlich ein eigenständiger Designer mit einer starken Aussage zu sein.

Sie hat uns darauf geschult, einen kritischen Gesichtspunkt für die Gesellschaft zu entwickeln und das auf Mode zu übertragen Wir sollten darauf achten, was neben uns passiert, um Mode nicht nur als schöne und ästhetische Sache anzusehen. Wir sollten das Studium als Chance nutzen, gesellschaftliche Themen in unsere designten Kleidungsstücke zu übersetzen und es als aussagekräftiges Medium gesellschaftlicher Formen zu nutzen. Mode hat ja auch immer gesellschaftliche Prozesse begleitet und eine gesellschaftliche und politische Aussage getragen. Wir als Designer sind also sowas wie der Spiegel und auch Former des Zeitgeists der Gesellschaft Die aktuelle Mode zeigt den Überfluss an Informationen, indem es mehrere Jahrzehnte auf einmal gemischt darstellt. Es ist wie eine riesige Kollage.

Hast du noch Ratschläge oder Tipps für junge Menschen, die auch groß rauskommen wollen als Designer und sich in der Modebranche durchsetzen wollen?

Wenn man spürt, dass das der richtige Weg für einen ist, dann sollte man das machen. Es wird immer Menschen, geben, die einen kritisieren, die einen davon abraten wollen aber man sollte immer das machen, was man für richtig hält und was Spaß macht. Wenn man nämlich eine Passion verspürt und man merkt, dass einem etwas liegt und es tut, weil es einem wichtig ist und es sich richtig anfühlt, dann sollte man dafür kämpfen, denn dann spielt Geld oder Bekanntheit keine Rolle mehr. Der Spaß und die Erfüllung sollte stets im Vordergrund eines jeden Lebens stehen. Und in meinem Leben hat Mode das perfekt übernommen.

Das Interview führte Nils Langenhop.