„Einmal drucken, bitte!“

„Einmal drucken, bitte!“

3D-Kleid von Francis Bitonti. Foto: © Studio-PR/Francis Bitonti

Wie der 3D-Druck die Zukunft der Mode verändert

Mode auf Knopfdruck ist längst keine Utopie mehr. Seit einigen Jahren ist der 3D-Druck auf dem Vormarsch und eröffnet neue Wege für kreative Köpfe. Designer wie Iris van Herpen, Francis Bitonti, Michael Schmidt und Neri Oxman nutzen bereits die innovative Printtechnik und stehen mit ihren Kreationen für einen revolutionären Umbruch in der Textilbranche.

Iris Van Herpen SS 2012. Fotos: © S. O. Beckmann

Iris van Herpen ist bekannt für Avantgarde-Entwürfe und ihren hohen künstlerischen Anspruch gepaart mit technischem Fortschritt. Sie gilt als Pionierin auf dem Gebiet der dreidimensionalen Printtechnik und schaffte es 2011 mit ihrem ESCAPISM Kleid auf die Liste der 50 besten Innovationen 2011, die vom TIME Magazine herausgegeben wurde. Sie kooperiert für ihre Kollektionen u.a. mit Wissenschaftlern und Architekten, die den 3D-Druck für ihre Miniaturmodelle verwenden. Flüssiger Kunststoff formt ihre Designs Schicht für Schicht und die Ergebnisse können sich sehen lassen: Silikonfasern, die bei jedem Schritt vibrieren und wie Federn wirken oder Strukturen, die an Skelettformationen erinnern, sind keine Seltenheit bei Iris van Herpen. Dass ihre statischen Kleider und Schuhe meist nur zum Stehen geeignet und kaum alltagstauglich sind, macht ihre Entwürfe nicht weniger beliebt. Björk, Tilda Swinton und Daphne Guinness gehören zum extravaganten Kundenkreis von Iris van Herpen und zeigen sich grazil in ihren überirdisch anmutenden Designs.

Ebenso stilvoll und Aufsehen erregend boten die Designer Francis Bitonti und Michael Schmidt ihr dreidimensional gedrucktes Kleid dar: Burlesque Tänzerin Dita von Teese präsentierte die $ 100 000 teure Robe 2014 im Ace Hotel in New York. Mit 13‘000 Swarovski Kristallen übersäht, schmiegte sich das Kleid mit 3000 Verbindungsstellen optimal an die Figur seiner Trägerin an. 400 Stunden arbeiteten die Designer zusammen mit dem 3D-Druck Unternehmen Shapeways an der aus schwarzen Nylonfasern bestehenden Kreation. Mit 17 Einzelteilen, die später zu einem Ganzen zusammengefügt wurden, bewiesen Francis Bitonti und Michael Schmidt, dass Haute Couture nicht mehr zwingend aus Designer-Ateliers stammen muss.
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Dita von Teese in einem 3D-Kleid von Francis Bitonti und Michael Schmidt

Futuristisch und ästhetisch zeigt sich auch die israelische Architektin und Künstlerin Neri Oxman. In Zusammenarbeit mit dem deutschen Designduo Christoph Bader und Dominik Kolb entstand ihr Projekt WANDERERS: An Astrobiological Exploration. Auf eindrucksvolle Weise offenbaren die vier Entwürfe die schöpferischen Möglichkeiten der dreidimensionalen Printtechnik. Die organischen Formen, inspiriert vom Sonnensystem und natürlichen Wachstum lebender Organismen, machen den menschlichen Körper zum technoiden Kunstwerk. Das Modell AL-QAMAR wurde an den Mond angelehnt und als „wearable biodome“ (tragbare Biosphäre) konzipiert. Dessen Äußeres besteht aus einem Material, das in der Lage ist Sauerstoff zu produzieren und zu speichern. MUSHTARI steht für den Planet Jupiter und erinnert an die Form und Funktion des menschlichen Magen-Darm-Trakts. Das Modell wurde als Organsystem angelegt, um Biomasse zu verbrauchen und zu verdauen sowie Nährstoffe zu absorbieren. Saturn galt als Vorlage für Neri Oxmans Entwurf ZUHAL und wurde mit einer dichten, haarigen Textur versehen, um die Wirbelwinde des Planeten zu adaptieren. OTAARED steht für Merkur und wurde als geweihähnliche Erweiterung der Schulterblätter entworfen. Das Kopf schützende Skelett kann passgenau für den Träger angefertigt werden. Neri Oxman schuf mit WANDERERS nicht nur eindrucksvolle Designs für kommende Science-Fiction-Filme, sondern ebnete auch den Weg für die zukunftsweisende Verbindung von Kunst und Wissenschaft.

 


Für Modenschauen wirken alle dreidimensional gedruckten Kreationen wahrlich fantastisch, doch was kommt danach? Obwohl viele der bisher designten Modelle den Status von Kunstwerken vertreten, zeigen vereinzelte Modefirmen bereits tragbare Kreationen. So zum Beispiel TamiCare, ein britisches Unternehmen, das Damenunterwäsche aus Latex und Baumwolle herstellt. Das New Yorker Modelabel Continuum Fashion kreierte bereits den nahtlosen Bikini N12, der aus hunderten Nylonplättchen bestand und trotz Lichtdurchlässigkeit vor neugierigen Blicken schützt. Im Zeitalter von Ressourcenknappheit und Nachhaltigkeit stellt sich aber unweigerlich die Frage was passiert, wenn die neuen Designs ihre beste Zeit hinter sich haben? Zwar werden bereits öko-kompatible Rohmaterialien wie Sägemehl, Papier oder der aus Maisstärke gewonnene Biokunststoff PLA verwendet durch die Recycling möglich wäre, doch generell scheint das Thema Nachhaltigkeit bei den 3D-Drucker-Herstellern noch keine Priorität zu haben.

Ob sich „Print-á-porter“ durchsetzt oder die Modeschöpfer wieder auf Nadel und Faden zurückgreifen, wird sich noch zeigen. Die Technologie des dreidimensionalen Drucks hat zwar bis jetzt in der Modewelt großen Anklang gefunden, steht aber generell noch am Anfang ihrer Möglichkeiten. Doch immerhin haben die Designer bewiesen, dass sterile Laborräume das Potenzial haben durch neuartige 3D-Drucker stilvolle Maßkonfektion mit einem Klick zu fertigen.

Text: © Jenny Kolossa/Modesearch