Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Foto: Rose Wagner. v.l. Silke Emig, Anita Tillmann, Moritz Offeney, Alfons Kaiser, Daniel Enke, Carl Tillessen

Berlin wird als Modestadt gehyped. Zwei Mal jährlich zelebriert die gesamte Modeszene Berlins ihr ach so tolles Dasein mit neuen Kollektionen. Alles scheint super und erfolgreich – so zumindest wirkt es nach außen.

Nun schließt nach 17 Jahren das Label „FIRMA“, das in den Anfängen des Modehype Berlins mitmischte und mit Kaviar Gauche, Lala Berlin, Esther Perbandt, Anita Tillmann von der Premium u. v. a. in einem Atemzug genannt wurde.

Carl Tillessen und Daniela Biesenbach prägten mit ihrem Label „FIRMA“ die neue Berliner Sachlichkeit, führten im Westen und Osten der Hauptstadt je einen Laden und sind in noch 60 weiteren Läden vertreten. Sie produzierten zunächst nur Herrenkollektionen, erweiterten diese durch eine Damenlinie, kreierten Kosmetik und setzten noch eine Tasche aufs Sortiment oben drauf. Perfekt. Die Kollektionen waren von ausgesprochen guter Qualität, dazu in Deutschland gefertigt, gut designt, an den Bauhausstil angelehnt, elegant, pur mit einem Hauch von moderner Zeitlosigkeit. Und plötzlich ist alles aus.
„FIRMA“ ist nicht das erste Label, das einen Schlussstrich zieht. Geradezu alle hier erwähnten Labels haben Krisenzeiten erlebt und wenn sie nicht durch familiäre Finanzspritzen oder Investoren wieder aufgepäppelt wurden, verschwanden sie mehr oder weniger leise vom Markt. Man spricht nicht darüber und wenn – nur unter vorgehaltener Hand.



Am 16.10.2014 allerdings wurde die bevorstehende Schließung von „FIRMA“ im Zuge des Strukturwandels in der Modebranche zum Thema der Podiumsdiskussion „Revolution in der Modebranche – Designer und Händler im Strudel eines dramatischen Strukturwandels“ im Kulturforum.
Alfons Kaiser (FAZ) moderierte die aufgewühlte Runde mit Anita Tillmann (premium exhibitions – Modemesse Berlin), Carl Tillessen (FIRMA), Moritz Offeney (Onlineshop/Schuhe -Scarosso), Silke Emig (Textilwirtschaft) und Daniel Enke (Handelsverband Deutschland). Es wurden Gründe für das Scheitern gesucht und natürlich ist es traurig, wenn sich ein gutes Label nach 17 Jahren vom Markt zurückzieht. Mißwirtschaft ist hier nicht der Vorwurf, die Gründe liegen hauptsächlich in der Zahlungmentalität der einzelnen Unternehmen in der Produktions- und Handelskette. Dem Designer wird geradezu alles – von der Vorleistung für Material und Produktion bis zur Rücknahme der nicht verkauften Produkte – angelastet. Niemand in der langen Kette der Hersteller bis zum Einzelhändler bürdet sich ein Risiko auf. Das trägt allein der Designer. Daran scheitern viele – auch Carl Tillessen und Daniela Biesenbach haben diese Vorkosten nicht mehr leisten wollen. Das Ende von „FIRMA“ und das Warum öffentlich zu machen, bringt Zündstoff. Ohne Selbstmitleid schilderte C. Tillessen den Verlauf von der Gründung bis zur Schließung seines Unternehmens.

Dafür musste er sich aber noch ein paar kräftige Ohrfeigen von Antia Tillmann einfangen, die als Businessfrau in einem weniger prekären Arbeitsumfeld aus sicherer Position, ohne Mitleid das aufkommende Bedauern C. Tillessen gegenüber im Keim erstickte. Sie vertritt die Designer auf der premium exhibitions und wird von ihnen dafür nicht schlecht bezahlt. Sie fährt weniger Risiko. Die beiden Arbeitsfelder kann man nun mal nicht vergleichen.

Moritz Offeney setzte dann noch eins oben drauf – weil er ja mit seinem Onlineshop „Scarosso“ (Gründung ca. 14 Jahre später als „Firma“) für in Italien handgefertigte Schuhe alles richtig gemacht hat. Er ist mit seinem vor 4 Jahren gegründeten Onlineshop erfolgreich und das liegt an der Strategie des Unternehmens. Er lässt in kleinen Auflagen für stationäre Shops anfertigen und online kreiert der Kunde selbst. Es wird also bestellt, gefertigt, verkauft. Wenig läuft unter der Premisse „Vorleistung“. Damit bewegt sich das Unternehmen mit seinen Jodhpurs und klassischen Männerschuhen auf sicherem Terrain. Online sowieso.

Die Zeit verändert sich. Und das Wesen der Zeit liegt in der Veränderung der Dinge. Die Schnelllebigkeit bemängelt auch Melissa Drier (Modejournalistin und ständige Beobachterin der Berliner Modeszene), die schon keine Orientierung mehr hat, was eigentlich läuft – wie sie selbst sagt. Es verändert sich alles zu schnell.
Dazu noch ein Zitat von Tadashi Yanai, der nicht anwesend war, (Gründer von Uniqlo) „Ändere Dich oder stirb“. So hart ist das Business und das romantische Bild von „schöner Mode machen und reich werden“ ist längst ein Märchen. Dazu muss man sagen, dass Unternehmen heute andere Chancen haben zu starten und ihre Marken zu verbreiten, als zu Gründungszeiten von „FIRMA“. Vor 17 Jahren befand sich der deutsche Onlinehandel und das soziale Netzwerken noch in den Kinderschuhen. Sich dem anzupassen hat „FIRMA“ ja nicht vernachlässigt. Insofern ging die Argumentation von der selbsterkohrenen Hauptrednerin A. Tillmann etwas am Thema vorbei. Das Hauptproblem liegt an dem Strukturwandel und der Zahlungsmentalität innerhalb der Lieferungs- und Handelskette.



Heute ist es unabdingbar die gesellschaftlichen Strömungen zu verfolgen, einen Sinn dafür zu entwickeln, wo sie hingehen, sich Nischen zu suchen und daran kann erst ein Unternehmen ausgerichtet und muss offenbar in seinem Konzept immer wieder neu angepasst werden.
Gleichzeitig sind soziale Netzwerke wie Facebook ein wunderbarer Multiplikator zur Verbreitung von News. Heute ist es ebenso notwendig seine Unternehmens-Website auf den neuesten Standards zu halten und im Modebereich online zu agieren. Nichts geht mehr ohne die virtuellen Hilfsmittel. Sie sind zudem kostensparend und effektiver als Anzeigen im Printbereich.
Jedoch sind stationäre Standorte noch wesentlicher Bestandteil vieler Unternehmen, da der Kunde am Ende doch einmal etwas in der Hand fühlen möchte, bevor er etwas kauft. Er braucht das haptische Erlebnis, eine Geschichte, worauf C. Tillessen immer wieder zu sprechen kommt. Auch Moritz Offeney setzt auf stationäre Shops.
Die Erlebniswelten haben sich nun einmal auch vom realen in den virtuellen Raum verlagert. Wenn man jetzt schon seinen Schuh oder sein Outfit im Onlineshop selbst kreieren kann, so ist das auch ein Erlebnis. Nur auf andere Art.

Also hört auf zu jammern, es gibt ja auch noch ein paar Erfolgreiche, wie Herrn Offeney und Herrn Michael Georg Schmitt von Gretchen Taschen, die so gar kein Verständnis für die Trauerstimmung im Saal hatten. Der Aufruf, nicht die armen jungen Modedesigner zu demotivieren, war gut. Aber wo lernen die jungen Modedesigner sich zu vermarkten wenn nicht in der Ausbildung.

Konstatierend muss gesagt werden, dass Carl Tillessen ja nicht gescheitert ist. Er hat einfach einen Strich gezogen und beginnt noch einmal neu. Wie, das hat er uns nicht verraten. Aber wir wünschen ihm und Daniela Biesenbach viel Erfolg.

Erfrischend, kontrovers und belebt war die Diskussion, die von uns als die beste Diskussion, die es je im Kulturforum gegeben hat, bewertet wird. Vielen Dank den Initiatoren Philipp Zitzlsberger(AMD) und Adelheid Rasche (SMB Sammlung Modebild) und Alfons Kaiser, dem Moderator.

Text: Susanne Ophelia Beckmann
Foto: Rose Wagner