Feuerbachs Musen – Lagerfelds Models

Feuerbachs Musen – Lagerfelds Models

Noch bis zum 15. Juni 2014 zeigt die Hamburger Kunsthalle Bilder von Anselm Feuerbach und Fotos von Karl Lagerfeld. Kunst und Kunst-Fotografie? Kunst auf jeden Fall, denn die Gemälde von Anselm Feuerbach sind ohne Zweifel Kunst. Von der Verehrung der Musen und mythologisch inspiriert sind die Werke beider. Doch wo auf künstlerischer Ebene der unmittelbare Zusammenhang zwischen dem Modedesigner Karl Lagerfeld und dem Maler Anselm Feuerbach besteht, scheint etwas an den Haaren herbeigezogen.

In beiden Zyklen steht Anmut, Erotik und Verehrung der Dargestellten im Mittelpunkt des KUNST-Werks. Der Unterschied – das eine ist Kunst, das andere eher für eine Fotostrecke auf Hochglanzpapier geeignet. Verehren tun sie beide ihre Protagonisten, aber dies auf sehr unterschiedliche Weise.

Die Kunsthalle inszeniert in dieser Doppelausstellung, ein Two-in-One-Paket. Um sich der Inspirationsquelle – die Antike in die jeweilige Gegenwart zu transferieren – anzunähern, müssen die Exponate beider Künstler gesondert voneinander betrachtet werden.

Feuerbach besann sich im Umbruch der Industrialisierung des 19. Jahrhundert weiter auf die Formensprache der Antike, ließ die von ihm geliebte Hochrenaissance noch in seine Malerei einfließen und schuf eine Zeitlosigkeit, die unabhängig von flüchtigen Moden Bestand haben sollte. Er reiste nach Italien, studierte Bilder von Michelangelo und Raffael, wo Mitte des 19.Jahrhunderts durch Ausgrabungen die Welt der Antike wieder sichtbar und Homers Schriften auf neue Weise neu belebt wurden. Dort begegnete ihm die Römerin Anna Risi, genannt Nanna, die von den 1860er bis 1865 Jahren zu seinem Modell und seiner Geliebten wurde und ihn zu künstlerischen Höchstleistung brachte.

Letztlich sind die wunderbaren Gemälde eines an Dorian Gray erinnernden Dandys Zeugnis einer nicht gestillten Sehnsucht – sowohl malerisch als auch personifiziert. Immer wieder porträtierte und malte Anselm Feuerbach die ihn faszinierende antike Schönheit Nannas in Anlehnung an mythische Figuren in zeitgenössischem Gewandt. Fast monumental, auf monochromen Hintergründen bildet Feuerbach Nannas Körper in minimierter Farbigkeit heraus.

Der abgewandte Blick im Profil, die Haltung der Hand und der zugewandte Körper erzeugen ein Spannungsverhältnis, das die Erotik und Verehrung nicht stärker widerspiegeln kann. Selten nur findet man Perspektiven und wenn, ist es die Unterperspektive, in der der Körper im Verhältnis zum Kopf etwas überdimensioniert scheint.

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Anselm Feuerbach, Nanna, 1864 Öl auf Leinwand, 61 x 47,2 cm © Niedersächsisches Landesmuseum Hannover, Photo: Ursula Bohnhorst
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Anselm Feuerbach (1829–1880) Poesie, Zweite Fassung, 1863,Öl auf Leinwand, 62 x 50 cm © Kunstbesitz der Stadt Speyer, Photo: G. Kayser

Die Haltung Nannas suggeriert eine Abwesenheit und lässt wirkliche Nähe nicht zu. Dennoch spiegeln die Bilder die Sehnsucht nach Ergründung der Tiefen der Persönlichkeit wieder, die Faszination lasziver und madonnenhafter Schönheit mit einem nach innen gewandten Blick. Doch Nanna gibt ihm nur einen Teil ihrer beseelten Hülle. Und das macht die Erotik und Verehrung aus, die gewaltig in ihrer Plastizität erscheint. Unterstreicht Feuerbach dies durch die minimierte Farbigkeit, den Gebrauch von tiefem Krapplack-Rot und nuancierten Weißabstufungen – allenfalls ein Komplementärkontrast zu dem gewaltigen Rot bietet ein dunkles Grün auf sandigen, fast grauen monochromen Hintergründen.

Feuerbach ergründet Nanna, indem er sie immer wieder in ähnlicher Haltung abbildet. Nur Nuancen verfeinern sich wie eine Haarsträhne, die deutlicher hervorgehoben wird. Ganz im kleinen Detail sucht Feuerbach in immer wieder neuen Gemälden die Seele Nannas in konzentrierte Intensität einzufangen und gelangt doch niemals ganz in ihr Inneres.

Dem gegenüber steht nun der erstmalig gezeigte Bilderzyklus „Moderne Mythologie“ (2010) von Karl Lagerfeld. Die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien auf Gold und Silber durchwebter Leinwand zeigen überladene Inszenierungen mit Baptiste Giabiconi und Bianca Balti. Beide Models begleiteten Lagerfeld über Jahre als seine Musen.
Den künstlerischen Wert sehen wir in diesen Fotografien nicht so gleich. Von Kunst sprechen wir hier nicht.

Lagerfeld schafft eine inszenierte erotisch ambitionierte Idealwelt, allzu offensichtlich in überladenem Garten Eden und griechischer Tempelatmosphäre. Sie erinnert wenn überhaupt an Jeff Koons – aber eher doch an Künstlichkeit als an Kunst.

Die lasziv adonische Hülle eines Jünglings von vollkommener Ebenmäßigkeit, sich tummelnd mit der ebenfalls porzellanenen Schönheit Baltis, ist schon fast nicht auszuhalten. Wenn man nun weiter bedenkt, dass Daphnis und Chloe, diese wunderbare Liebesgeschichte des antiken Schriftstellers Longos, Inspirationsquelle für diese auf Rasterdruck und Leinwand produzierten Softerotikfotografien sein soll, ist das zwar legitim, das Ergebnis aber ist ernüchternd.

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Karl Lagerfeld, Moderne Mythologie, 2013, © 2013 Karl Lagerfeld

Behandelt Longos doch eine zarte, jungfreuliche Entdeckung der Erotik und Liebe, die sich so ganz durch alle Poren zieht, so gelangt Lagerfeld nicht unter die erste von sieben Hautschichten. Er zelebriert nur äußere Hülle ohne Sinn für Zwischentöne, nicht auf der Suche der Ergründung des Wesens, das sich darunter verbirgt und wirkliche Erotik ausmacht. Das macht die so vollen Fotos leer. Wie gesagt, sie eignen sich allenfalls für eine Fotostrecke in einem Männermagazin.

Den krönenden Abschluss der Serie bildet eine für die Eismarke Magnum geschaffene lebensgroße Betonskulptur von Baptiste, (mit der Gravur: „Daphnis wartet auf Chloe“) in einer sich allem öffnenden liegenden Pose, die ursprünglich für Werbezwecke in Schokolade gegossen werden sollte.

Hätte Lagerfeld sie wirklich in Schokolade ausgestellt und die Heizung etwas höher gedreht, flöße sie dahin und würde die Vergänglichkeit des Schönen auf ironische Weise demonstrieren. Diese Performance hätte dann wenigstens Kunstcharakter.

Beides für sich allein gesehen hat seine Berechtigung und seinen Platz in jeweils einer anderen Kunstwelt. Jedoch Feuerbach in den Kontext zu Lagerfelds Erotikfotografie zu stellen, scheint doch etwas hoch angesetzt.

Reicht es aus, dass sich beide durch die Antike inspirieren lassen und deren Formensprache in das jeweilige Heute transferieren? Ist der Prozess der Malerei nicht ein gänzlich anderer als der so inszenierten Fotografie?

Es ist schon ein Wagnis die beiden Anhänger der Antike miteinander zu konfrontieren, denn so sehr man sich auch Mühe gibt beides zusammenzubringen, man bleibt an der Oberfläche haften. Feuerbachs Bilder wirken einfach tiefer und nachhaltig. Dagegen kann auch kein Lagerfeld an und ist er tausendmal ein Lagerfeld. Er ist nun mal kein Heiliger. Lagerfeld ist unbestritten ein guter Modedesigner, ein nicht so schlechter Illustrator, kein schlechter Fotograf – aber eben doch kein Künstler.

Vielleicht geht es hier auch gar nicht um Kunst – als viel mehr um Marketing, Lagerfeld einen weiteren Platz in der KUNST-WELT einzuräumen.

Kuratoren: Prof. Dr. Hubertus Gaßner und Luisa Pauline Fink

Feuerbachs Musen – Lagerfelds Models
Bis 15. Juni 2014
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall
20095 Hamburg
www.hamburger-kunsthalle.de

Text: © S. O. Beckmann