Filmkostüme: Anna Karenina

Filmkostüme: Anna Karenina

von Rose Wagner

Wohl kein anderes Ballkleid wird in der Weltliteratur so detailliert beschrieben wie das schwarze, das Anna Karenina bei dem Ball in Moskau trägt, der einen Wendepunkt in ihrem Leben markiert. Die spektakuläre Robe bildet den Rahmen für ihre Schönheit und Vitalität und hebt sie von allen anderen Frauen ab.

© Focus Features

Von Pariser Couture inspirierte Hüte © Focus Features

Für die neue Filmadaption von Leo Tolstois Roman gewann die britische Designerin Jacqueline Durran den Oscar 2013 in der Kategorie „Beste Kostüme“.
Der Regisseur Joe Wright geht kühn mit der literarischen Vorlage um. Als wichtige Filmkulisse dient ein Theater, und die Protagonisten bewegen sich in den Requisiten, als spielte ihr Leben sich auf einer Bühne ab. Einem solchen Setting müssen die Kostüme angepasst sein. Das Besondere an ihnen ist die Mischung von glaubwürdig erscheinender historischer Kleidung – die Handlung spielt im Zarenreich um 1870 – mit Pariser Couture der 1950er Jahre. Die stereotypische Vorstellung von russischer Mode wird nicht bedient. Wenig Pelz – wenn, dann meist nur als Besatz –, kein schwerer Samt, keine Volants, aufwendigen Stickereien, Pelzstiefel und Kosakenmützen, stattdessen klar konturierte Formen und wenig Folklore. Die New York Times nennt das: „Balenciaga statt Bolschoi“. Die Entscheidung für diese Formensprache beeinflusst die Rezeption des Films. Die Mode wirkt vertraut, man versteht sie.
Wronski und Anna auf dem Ball © Focus Features

Wronski und Anna auf dem Ball © Focus Features

Die Kostüme eines Films helfen dem Schauspieler, in seine Rolle zu schlüpfen. Mit Kostümen lassen sich Geschichten erzählen und in subtiler Weise Gefühle und Seelenzustände kundtun. In dieser „Anna Karenina“ werden Leidenschaft, Betrug und Verzweiflung in Stoff und Farbe ausgedrückt, und die Kostüme stellen ein zentrales Medium der Kommunikation dar.

Die Kleider von Anna – gespielt von Keira Knightley – variieren überwiegend in einer Palette von Lila, Schwarz und Scharlachrot, Farben für eine erwachsene, selbstbewusste und privilegierte Frau. Bei dem Ball, auf dem sie und Wronski (Aaron Taylor-Johnson) nur für einander Augen haben, unterscheiden sie sich in der Farbe ihrer Gewandung von allen anderen. Wronski trägt als einziger Mann Weiß, Anna als einzige Frau Schwarz. Das Mieder ihres Ballkleides ist inspiriert von Balenciagas und Diors Couture, der weite Taftrock mit der verlängerten Turnüre entspricht dagegen der Linienführung der russischen Mode um 1870. Das Oberteil der Robe scheint ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten zu sein – ein Hinweis auf Annas zunehmende Gefühlsverwirrung.

Keira Knightley hat ein Diamantcollier umgelegt, das das Haus Chanel zur Verfügung stellte – bei den Dreharbeiten soll echter Schmuck im Wert von 2 Millionen Dollar getragen worden sein. Dies unterstützt die Sicht auf Anna als glamouröse und verschwenderische Frau der höchsten Gesellschaftsschicht.

Anna mit Collier © Focus Features

Anna mit Collier © Focus Features

Die junge liebreizende Kitty (Alicia Vikander) bildet auch rein optisch den Gegenpart zu Anna. Das Ballkleid Kittys ist nach dem Muster eines viktorianischen Mädchenkleides modelliert: weiß, Rosette am Ausschnitt, schmaler Satingürtel in Blassrosa, glockenförmiger Schnitt. Sie wirkt wie eine noch kindliche Debütantin auf ihrem ersten Ball. Ihr Kleid ist kürzer gehalten als das von Anna, was den naiven Anstrich betont. Zunächst trägt Kitty nur die Kinderfarben Hellblau, Rosa und Weiß. Die Farbpalette ändert sich jedoch mit ihrer charakterlichen Reifung, wird komplexer und eleganter und weist nach ihrer Heirat mit Lewin hauptsächlich Champagner- und Beigetöne auf.

Auf dem Höhepunkt der öffentlichen Gerüchte über ihre Affäre mit Wronski erscheint Anna auf einem Fest in Scharlachrot. Auch diese Robe wird mit wertvollem Schmuck komplettiert. Die Schauspielerin muss sich in dieser Szene schnell und leicht bewegen, deshalb wurde bewusst auf schweren Samt verzichtet, ebenso auf Korsett und einengenden Schnitt. Wegen der notwendigen Bewegungsfreiheit ist das Kleid zweiteilig.

© Focus Features

© Focus Features

© Focus Features

© Focus Features

Die anderen Damen tragen helle, kalte Farben und setzen sich damit optisch von Annas dramatischem Scharlachrot ab.

Wronski ist während des gesamten Films minimalistisch attraktiv gekleidet. Seine Gewandung – in der Farbpalette von Weiß, Grau und Hellblau – ist russischen Uniformen nachempfunden, ohne allerdings auf einen bestimmten Truppenteil hinzuweisen.

Die schlichtesten und unspektakulärsten Kostüme trägt – der kaum wiederzuerkennende – Jude Law, der den hohen Ministerialbeamten Karenin spielt. Die strengen Linien seiner Gewandung und die vorherrschende graue Farbe betonen Karenins steife, zeremoniöse Persönlichkeit.

Die Kostüme dieser Verfilmung haben einen eigenen Stil, der die Handlung und das Setting stützt und nicht museal, sondern modern und ästhetisch überzeugend wirkt.