Florian Schulze – Visionär, Träumer und Realist.

Florian Schulze –  Visionär, Träumer und Realist.

Outfit „Time Machine“ von Florian Schulze

Akribie, Handwerk und der Zustand der absoluten Konzentration

Wir treffen uns im Cafe Rix im Saalbau Neukölln.
Trotz schönen Wetters sitzen wir am Fenster im dunklen Stuck verzierten Saal. Gleißendes Licht fällt in den Raum und lässt die Konturen von Florian Schulze in scharf umrissenen Konturen erscheinen. Mich animiert es, die Kameras herauszuholen und gleich ein paar Porträts aufzunehmen. Unterdessen sprechen wir über dies und das, über Essen, Ernährung und die wunderbaren Architekturen, die der Stadtteil Neukölln mit all den Kleinläden von Billigmode und 1 Euroshops auch zu bieten hat. Das interkulturelle Umfeld inspiriert.

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Florian Schulze im Cafe Rix. Foto: S. O. Beckmann

Hier arbeitet Florian Schulze in seinem 40 qm großen Refugium. Jeder Quadratmeter ist ausgefüllte Arbeitsfläche. Am liebsten arbeitet er allein und nicht in der HTW, wo er studiert. Hier kann er auch mal einige Tage lang durcharbeiten, wie an dem über 2 Meter breiten und hohen Stück Baumwolle, dass er für das Outfit im ersten Semester „Distanz und Gefüge“ in 48 Stunden zusammen gewebt hat.

F. Schulze stöbert nicht nur gern in Stoffläden und sucht überall nach Gegenständen, mit denen er seine Stoffe aufpeppen und verändern kann. Ziegenhaarbüschel, Eisstiele aus Plastik, transparente Strohhalme, Wischmops aus gedrehter Baumwolle, Baumwolle und Seide kommen zum Einsatz. Egal was. Aus allem kann etwas gemacht werden. Deshalb liebt er auch die Billigshops, in denen es allerlei geschmackloses Zeug gibt, was durchaus in der richtigen Kombination, losgelöst aus dem üblichen Zusammenhang, eine ganz besondere Wirkung erzielen kann.

Der akribische Handwerker

Der Modedesignstudent hat einen ausgesprochenen Faible für das Handwerk. Weben, Sticken, Fransen, Knüpfen, Patchworken sind Lieblingstechniken, mit denen er Stoffen das gewisse Etwas verleiht.
Kein Stoff bleibt unter den Händen von Florian Schulze so wie er ist. Er zieht Fäden und webt sie neu ein, setzt Stoffe unterschiedlichster Textur nebeneinander, übereinander und verleiht konventionellen Stoffen eine auffällige Haptik und Optik. Haptik und Geräusch sind ihm wichtig. Ein leises Klappern, ein unauffälliges Rascheln, eine flauschige Optik und sich verändernde Stofflandschaften finden sich in seinen Kleidern.

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„Time Machine“ London 2014
„Time Machine“ London 2014

 

Das fällt auf in seinen Outfits, denn bisher hat er in seinem Studium zu vorgegebenen Themen nur jeweils ein Outfit erstellen müssen. Zum Abschluss des Bachelors müssen 7 Stücke auf den Laufsteg und dafür ist nicht mal so eben schnell ein Kleid zusammengenäht. Das wäre viel zu einfach. Florian Schulze ist einer der innovativsten Studenten der Berliner Modeschulen, der selbst sagt, jetzt kann ich noch experimentieren – herunterbrechen kann man eine Sache immer noch. Und darum geht es im Studium. Auszuprobieren, zu experimentieren, den Materialien auf den Grund gehen und aufspüren, was alles mit welchen Materialien möglich ist. Was tragbar ist, wo im Arbeitsverlauf gravierende Fehler auftreten, Ideen so umsetzen zu lernen, wie sie in der Ideenskizze gewollt wurden. Unkonventionelles zu kombinieren und sich an Grenzen des Mach- und Tragbaren heranwagen. Das versucht F. Schulze – dennoch sind seine Ideen sehr wohl tragbar und auch sehr wohl umsetzbar.

Der Gewinner des Wool School Projects 2013 (wir berichteten >>) konnte schon in den Anfängen seines Studiums mit seinem Outfit KAPOK die Jury überzeugen. Inspiriert durch den von Kapokbäumen eingewachsenen“Ta Prohm“ Tempel schuf F. Schulze damit eine Silhouette, die in ihrer Abstraktion im Kleid bis ins letzte Detail genau durchdacht und rigoros durchgeführt wurde. Die Anmutung der gesamten Silhouette, dem Hut und der Handtasche zeigen, dass der Modedesignstudent bei einem Entwurf nicht nur an ein Kleid denkt, sondern gleich das Ganze vor Augen hat.

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„Cape Jacket“
„Kapok“ Gewinner des Wool School Projects

 

Der Visionär, Träumer und Realist.

Zunächst steht da eine Vision. Im Arbeitsprozess ergibt sich das Weitere.

Florian Schulze arbeitet mit Bildern, mit Bildern fremder Kulturen und Fundstücken. Er hat keinen Scheu offensichtlich nicht Zusammengehörendes mit feinsten Materialien zu kombinieren, wie z. B. einen Wischmop aus gedrehter Baumwolle, Plastikstiele, Strohhalme und allerlei Gebrauchsgegenstände aus diesen 1 Euroshops mit Seide und feinster Wolle. Damit sprengt er das konventionelle Verständnis vom Umgang mit Stoff. Seine Arbeitsweise ist ebenso unkonventionell. Neben den üblichen Utensilien wie Nadel und Faden verwendet er Plätteisen für Haare um Strohhalme mit Ziegenhaaren zu verbinden und allerlei Werkzeug, was eigentlich nicht in ein Modeatelier gehört.

Seine halbjährige Lehrzeit in London auf der Central Saint Martins – University of the Arts London, das Vorpraktikum bei dem Berliner Modedesigner Dawid Tomaszewski brachten ihm viel Erfahrung. Während der Zeit bei D.Tomaszewski fertigte F. Schulze Outfits für den Runway zur Fashion Week und betreute die Produktion von Kollektionen. Das zeigt, wie begabt der Student doch ist. Ihm wurde viel zugetraut und er setzte seine Arbeit schon als Praktikant sehr professionell um.

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„Loose Leaves“
„Loose Leaves“
Die frühere Ausbildung zum Logistiker gaben ihm vielleicht die Reife, das Selbstvertrauen und die Struktur, die es ihm ermöglicht, seinen Weg so unangepasst zu gehen und sich in dieses schwere Feld der Mode zu wagen.

Außereuropäische Reisen hat er nie gemacht. Als ich ihn fragte, ob er im “Ta Prohm“ Tempel in Kambodscha gewesen ist, der Inspiration für seine Wool School Prize Arbeit gewesen ist, verneint er das. Die Orte der Welt seiner Inspiration sind Träume, sind gesehene Bilder. Vielleicht ist es auch gut so, dass er diese Reisen nie gemacht hat sondern eine Vision davon in seine Designs einfließen lässt. Er verlässt sich ganz auf seine Intuition und den Zustand zwischen Wach, Traum und Schlaf, in dem es möglich ist, in einer Klarheit Gedanken aus dem Unbewussten zu fassen und zu formulieren. Es ist ein Zustand der absoluten Konzentration und Fixierung auf eine Sache, einen Gedanken und eine Idee.

Seine Akribie, Konzentration und handwerkliches Talent zahlen sich aus. Nicht nur der frühe Preis des Wool School Projects bringen ihm Aufmerksamkeit. Er ist kein unbeschriebenes Blatt. Erst kürzlich erhielt er eine Veröffentlichung im spanischen Magazin MADE Now

www.iamflorianschulze.com
Text: S. O. Beckmann/ modesearch
Fotos: S. O. Beckmann/ Florian Schulze