Im Namen der Raupe

Im Namen der Raupe

Tücher von Cocccon. Foto: © Heike Wippermann

Er ist nur 38 Millimeter breit und seine Farbe liegt irgendwo zwischen Mehlweiß und Perlgrau. Auf seinen Flügeln befinden sich blasse gelbbraune Querstreifen und die Fühler sind schwarz. Der Bombyx mori, auch genannt Seidenspinner, ist die Grundlage des indischen Modelabels Cocccon. Designer Chandra Prakash Jha folgt jedoch nicht dem konventionellen Weg der Seidengewinnung, der das Töten der Raupen in den Kokons vorsieht, sondern er lässt die Schmetterlinge erst schlüpfen, bevor mit dem Abwickeln des Seidenfadens begonnen wird. Für ihn ist Leben wichtiger als Luxus.

C. P. Jha stammt aus der ostindischen Provinz Jharkhand und wohnt mittlerweile mit seiner Familie im nordrhein-westfälischen Hagen. In seiner Heimat können nur 65% der Bevölkerung lesen und schreiben. Die Stahl- und Autoindustrie ist vorherrschend in diesem Gebiet und wem es möglich ist, zu studieren, wird Arzt oder Ingenieur. C. P. Jha selbst hat ein Semester Medizin studiert, aber mit der Zeit gemerkt, dass dies nicht sein Weg ist. Er hatte schon immer ein Talent dafür, Leute zu stylen: „Ich habe meiner Schwester oft gesagt, was sie anziehen soll. Zu dieser Zeit hatte ich aber noch keine Ahnung, dass man Modedesign als Beruf ausüben kann.“ Während der täglichen Meditation erschienen ihm viele Farben und ihm wurde schnell klar, dass er einen künstlerischen Beruf ausüben will. Nach diesen Erlebnissen hat C. P. Jha begonnen, sich mit Modezeitschriften auseinanderzusetzen und an verschiedenen Universitäten die Arbeitsweise von Designern beobachtet. Daraufhin studierte er drei Jahre am Nationalen Institut für Modetechnologie in Neu-Delhi. Nach seinem erfolgreichen Abschluss begann der indische Designer in der Textilindustrie zu arbeiten, wo er aber nicht seine eigenen Ideen designen konnte. Er bekam Stoffmuster vorgegeben, aus denen er Kleidungsstücke entwarf. Als er das erste Mal gesehen hat, wie ein T-Shirt in Indien produziert wird, war er geschockt: Die Menschen wateten barfuß durch hochgiftige Chemikalienbäder, kaum einer wird älter als 40 Jahre. Daraufhin hat C. P. Jha für sich beschlossen, schicke Ökomode zu designen.

2012 gründete er sein ökologisches, ethisch verantwortungsvolles und nachhaltiges Label Cocccon in Indien. Die drei C’s stehen für creativity can care und bilden den Leitsatz des Unternehmens. „Ich übersetze sie mit Schöpferkraft, die mit Achtsamkeit zusammengeht. Ich wollte von Anfang an etwas designen, was unsere Mutter Erde nicht vergiftet“, sagte C. P. Jha im Interview. Das noch junge Unternehmen feierte schon im Gründungsjahr erste Erfolge. 2012 belegte der indische Designer mit seiner Arbeit den zweiten Platz bei den Source-Awards in London in der Kategorie Nachhaltiger Lieferant in der Stoffproduktion, da er in Jharkhand begonnen hat, seine eigenen Seidenraupen zu züchten. Ein Jahr später folgte beim German Lifestyle-Award im Bereich Nachhaltigkeit wieder ein erfolgreicher zweiter Platz. Seit Januar 2013 ist er einer der Designer, die ihre grüne Mode im Greenshowroom im Rahmen der Berliner Fashion Week präsentieren.

 

C. P. Jha ist Teil der Slow-Fashion-Bewegung. Dieser neue Trend setzt darauf, Kleidung ökologisch, nachhaltig und sozial verträglich zu produzieren. Die Anhänger dieser Moderichtung sehen sich als Teil einer großen kulturellen und sozialen Revolution. Im Interview sagte C. P. Jha, dass es ihm nicht um eine schnelle Gewinnmaximierung auf Kosten anderer gehe. „Meine Mitarbeiter sollen ein gutes Leben und genügend Luft beim Arbeiten haben, sowie ausreichend Zeit mit ihren Familien. Es soll ihnen gut gehen. Deshalb bekommen sie auch mehr Geld, als es der Mindestlohn von 150€ pro Monat in Indien vorsieht.“ Der indische Designer berücksichtigt jede einzelne Stufe seiner Produktion. Menschen, Tiere, Flüsse und Böden dürfen nicht zu Schaden kommen.

Die Bio-Seide wird von benachteiligten Menschen aus der armen Landbevölkerung Jharkhands zu fairen Konditionen hergestellt. Rund 70 Arbeiter erhalten durch C. P. Jha ein regelmäßiges Einkommen von etwa 300€ im Monat. Das ist doppelt so viel, wie der Durchschnitt in Indien. Mit Cocccon schafft er Arbeitsplätze und schenkt Schmetterlingen das Leben. Sein Markenzeichen ist die Produktion von gewaltfreier Seide. Mittlerweile hat C. P. Jha seine eigene Seidenraupenproduktion begonnen. Eri und Tusha heißen die beiden Seidenspinnerarten, die für Cocccon am Werk sind. Die Kokons werden nicht, wie üblich, mit der verpuppten Raupe ins kochende Wasser geworfen, sondern vorsichtig angeritzt, damit der Seidenspinner schlüpfen kann. „Manche Leute finden es schöner, Seide mit kleinen Knötchen zu kaufen, als die makellose Seide, an der Blut klebt. Wenn dies jemandem nicht gefällt, dann braucht er nicht bei mir einzukaufen. Ich lasse Seide produzieren, bei der niemandem geschadet wird“, erzählte C. P. Jha im Interview.

 

Die Kundschaft von Cocccon stammt hauptsächlich aus Deutschland und Österreich, wo die Nachfrage nach Bioprodukten und Nachhaltigkeit boomt. Boutiquen, die ökologische Mode anbieten, statten sich ebenfalls mit Kreationen von Cocccon aus. C. P. Jha wird täglich überschüttet mit E-Mails, in denen die Leute wissen möchten, wo es seine Mode zu kaufen gibt. Diese ist in seinem Showroom in der Berliner Leonhardtstraße 3 sowie bei Cocccon UG in der Dömbergstraße 24 in Hagen erhältlich. Wem sich jedoch nicht die Möglichkeit bietet, selbst in einem der Stores vorbeizuschauen, dem schickt C. P. Jha seine Kreationen auch persönlich per Post. Bestellungen können an seine E-Mail-Adresse prakash@cocccon.de gesendet werden. Aufgrund der hohen Nachfrage ist bereits ein Online-Shop für Cocccon in Planung.

Ideen für neue Projekte und Entwürfe sammelt der indische Designer, während er durch den Hagener Stadtpark wandert und meditiert. Er denkt dabei viel an seine Landsleute in Indien und wie er noch mehr Arbeitsplätze für sie schaffen kann. Sein Ziel ist es, tausenden Leuten Arbeit zu geben, um tausende Familien glücklich zu machen. Eine Schmetterlingsplage hat die ostindische Provinz Jharkhand durch C. P. Jhas Bemühungen aber nicht zu befürchten. Denn die Tiere leben nur eine Woche. Diese kurze Zeit ist für sie ein ganzer Lebenszyklus.

Vom 19.-22.01.2015 präsentiert Chandra Prakash Jha seine aktuellen Designs im Greenshowroom anlässlich der Mercedes Benz Fashion Week Berlin. Am 20.01.2015 wird Modesearch bei der diesjährigen Greenshowroom-Salonshow dabei sein und über Cocccon berichten.

Text: © Jenny Kolossa/Modesearch