JOEL MEYEROWITZ: WHY COLOR?

JOEL MEYEROWITZ:  WHY COLOR?

Der Fotograf Joel Meyerowitz führt durch seine Ausstellung in der C/O Berlin Foundation. Foto: S. O. Beckmann

Der Titel „WHY COLOR?“ drängt sich dem Betrachter immer wieder auf, wenn man die Ausstellung von Joel Meyerowitz in der C/O Berlin Foundation betrachtet. Auf dunkelgrauen Wänden reihen sich Fotografien von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart aneinander. Während der 79-jährige Fotograf durch seine Ausstellung führt und so begeistert von dem Fotografieren erzählt, erschließen sich die Arbeiten langsam auf eine sehr eigenwillige Weise.

Joel Meyerowitz zeigt in seiner Retrospektive neben den einzelnen Straßenszenen, Porträts, Landschaften auch Szenen, die er nach dem 11. September 2001 aus seinem Studio in New York auf das World Trade Center heraus fotografierte. Mit den Arbeiten von Gegenständen aus den Ateliers von Cézanne und Morandi, die eher Gemälden von Stilleben als Fotografien gleichen, offenbart sich Meyerowitz als Schöpfer der unterschiedlichsten fotografischen Bildsprachen.

Das Ouvre des in der Bronx aufgewachsenen Fotografen ist groß. Die Diversität der Arbeiten ebenso. Das erschließt sich auch, wenn er erzählt, dass er sich alle 6 bis 7 Jahre neue Fragen in der Fotografie stellt und neue Herausforderungen sucht.

Der Vergleich von Schwarz Weiß – und Farbfotografie ist lange ein elementares Thema bei Joel Meyerowitz.

New Color Photography
In den 1960er Jahren begann Meyerowitz mit der Schwarz Weiß Fotografie. Zwei Jahre später setzte er die Farbfotografie ein. Schwarz Weiß Filme verwendete er nur noch ganz gezielt, um grafische Elemente im Bild hervorzuheben. Die Gegenüberstellung dessen, in der von Felix Hoffmann kuratierten Ausstellung, macht es deutlich. Immer wieder werden gleiche Motive in unterschiedlichen Formaten, auf unterschiedlichem Papier oder als Farb- oder Schwarz Weiß Foto nebeneinander gezeigt.

Als Wegbegleiter von William Eggleston und Stephen Shore gehörte Meyerowitz mit Saul Leiter der „New Color Photography“ Szene an. Meyerowitz faszinierte der Detailreichtum, den Farbe mit sich bringt. Stimmungen und Nuancen werden sichtbarer und verleihen dem Augenblick eine besondere Note.

Joel Meyerowitz begab sich auf die Straße. Man konnte zu der Zeit mit Urban Photographie zwar kein Geld verdienen aber das beirrte den damals jungen Künstler nicht, neben commerziellen Arbeiten auch seine eigenen Wege zu gehen.

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Das Absurde ist Realität
Mit 28 reiste er von dem Geld, dass er mit einer Werbekampagne verdient hatte, nach Europa, mietete sich einen Volvo und verbrachte dort 12 Monate. 600 Filmrollen voller urbaner Szenen brachte er nach Hause zurück. Er fotografierte, was ihm vor die Linse kam. Die Szenerie des Alltäglichen faszinierte ihn und er betont mehrmals, daß die Welt einem so viele Motive gibt, sie ist so lebendig, so absurd, wie er es sich nicht in seiner Phantasie ausdenken kann. Schließlich inszeniert er keine Welten, sondern bildet auch das Absurde und in der Normalität ab. Es ist ein Moment der Realität, deren Ausschnitt mit dem Blick des Fotografen fokussiert wird. Am Ende ist es eine Sache der Beobachtung, des schnellen Reagierens im richtigen Moment, des Sehens und der Entdeckung.
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Straßenszene in Paris 1967 von Joel Meyerowitz. Meyerowitz dokumentiert unterschwellig, das absurde Verhalten der Passanten.

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Das Absurde in der Normalität. Joel Meyerowitz

Er dokumentiert so ganz nebenher das tatenlose Verhalten der umstehenden Menschen. Die Bilder agieren auf mehreren Ebenen in einer faszinierenden Weise. Sie dokumentieren den Augenblick ohne Wertung und weisen unterschwellig auf den absurden Moment hin. Je mehr sich Meyerowitz von seinem Objekt entfernt, umso absurder werden die Bildinhalte. Man weiß nicht, ist es Absicht oder erfasst der Fotograf erst in der Distanz das Wesen des Moments.

Das Großformat war 1976 noch eine Utopie in der Fotografie.
Wie Meyerowitz sich der Fotografie stellt, ist nicht nur eine Frage des Motivs. Seine gesamte Schaffenszeit stellt er auch Fragen der Technik, des Lichts, der Farbe, der Symbolik eines Motivs, der Größe des Prints … Wie verhält sich ein C-Print und wie das gleiche Foto auf einem Tapetenpapier?

Die Dramaturgie der Inszenierung
Die Hängung dieser Retrospektive zeichnet es heraus. Zu fast jeder fotografischen Frage stellt Meyerowitz Kleinformate auf große Tapetenwände. Sie scheinen wie Headlines zu fungieren.

Nach den Anschlägen am 11. September 20001, fotografierte er die Szenen aus den Fenstern seines New Yorker Studios, die genau auf das zusammengestürzte World Trade Center zeigten. Als Installation, begreift man diese Arbeiten. Das heißt nicht, dass jede einzelen Arbeit für sich autark stehen könnte. In der Gesamtinszenierung dieser Arbeit transprortiert Meyerowitz jedoch das Ausmaß der Dramatik von Nine Eleven.

Das Prinzip der Gegenüberstellung von fotografischen und inhaltlichen Fragen zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Fast kommt es einem so vor, als würde man in ein Lehrstück der Fotografie eintauchen, ohne es zu bemerken.

Der Blick aus dem fahrenden Auto

C/O BERLIN FOUNDATION
Hardenbergstraße 22–24
10623 Berlin
Ausstellung: 09/12/17 bis 11/03/18

Text & Fotos der Ausstellung: S. O. Beckmann

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