Joerg Waehner: Geschichten erzählt

Joerg Waehner: Geschichten erzählt

Joerg Waehner vor der Ostkaschemme Rumbalotte mit seinem Namenslogo oe-ae.

Wie Männer ihren Stil kreieren ist schon sehr speziell. Wie gesagt. Sie machen sich wirklich Gedanken um ihr Auftreten. Ihnen das Geheimnis zu entlocken, weshalb sie jetzt genau dieses Outfit tragen und kein anderes, ist immer wieder interessant und ich begebe mich in sehr persönliche Gefielde.

Ein kalter, frostiger Tag. Ich besuche meinen 2. Fall für die Serie „Wie Männer ihren Stil kreieren“. Das ist Joerg Waehner in der Bornholmer Strasse im Prenzlauer Berg, nahe der ehemaligen Grenze. Für J. W. hat alles eine Bedeutung, nichts ist einfach so. Also wohnt der bekennende Ossi aus einfachen Verhältnissen (sagt er mit einem grinsenden Augenzwinkern) auch nicht ganz zufällig in der Bornholmer Straße 89. Für ihn ein wichtiger Ort.

Der Schriftsteller und fotografische Künstler – so nennt er sich – ist nicht nur was Kleidung angeht sehr speziell. Ich bin der Meinung – er ist Künstler und Punkt. Er ist vielleicht der einzige Künstler, den ich kenne, der auf so vielfältige und authentische Weise seinen Kunstgedanken umsetzt. Egal, ob es sich um seine Kleidung und Wohnungseinrichtung dreht, einen Zeitungsartikel oder eine Frottage vom Tisch des Ernst Ludwig Kirchner in Davos bzw. ein Foto aus dem Archiv seines Onkels, der Stasi oder aus seiner eigenen Kamera – alles scheint inszeniert und doch auch wieder nicht – als ob es ganz normal ist, ein gläsernes Aquarium mit einem eingravierten Nietzsche-Zitat für seine Schildkröte in die Küche zu stellen.

Und weil eben nichts so einfach dem Zufall überlassen wird, nicht die Kleidung und auch nicht die Kulisse für unsere Fotos, begeben wir uns mit unterschiedlichen Outfits auf einen Spaziergang durch die Geschichte rund um die Bornholmer Straße.

Der bekennende Ossi
Unser erstes Ziel ist die Brücke zwischen Dänen- und Sonnenburger Straße. Hier stehen noch Häuser mit Einschusslöchern aus dem 2. Weltkrieg – jede Menge Graffitis inklusive. Dieser Ort diente als Kulisse für legendäre Ostfilme. Und hier stellt sich Joerg Waehner mit seiner Russenkappe, seinem Hugo Boss Mantel und seiner in Italien angefertigten Maßhose in „Pose“.

Joerg Waehner Foto: S.O. Beckmann
Joerg Waehner Foto: S.O. Beckmann

J. Waehner mit Uschanka

Vor der Rumbalotte, der Ostkaschemme für Literaten im Prenzlauer Berg.

 

Der Schriftsteller
Der Künstler und Schriftsteller lebt hauptsächlich in der Literatur- und Kunstszene im östlichen Teil Berlins. Da findet man sich des öfteren in so richtigen Ostkaschemmen wieder. Abgerissen, kalt, verraucht, muffig und gänzlich unschick, wird da Slam Poetry, Lyrik und allerlei Literatur aus dem Sub gelesen und darüber diskutiert, welches Bier man aus politischer correctness nicht trinken sollte. Auch hier bekennt J. Waehner eine Haltung in seinen Kleidern – ich darf es mal Kaschemmenoutfit nennen. Seine Initialen „oe ae“ zieren die schwarze Arbeiterkappe und sind ein subtiler Link auf seine künstlerische Arbeit, seine Person, seine Geschichte als politisch observierter Störfaktor im SED-Regime. Der Seidenschal und die handgefertigten Lederschuhe aus Portugal sind dann wohl als Assimilation zu verstehen. Aber wer lebt schon an seiner Zeit vorbei. Das funktioniert als Künstler nicht – dann hätte man auch nichts zu sagen.
Joerg Waehner Foto: S.O. Beckmann

Auf der Brücke Dänenstraße/Sonnenburgerstraße spielte deutsche Filmgeschichte

Und dann geht es weiter zur Bornholmer Brücke. Hierfür zieht sich J. Waehner extra noch einmal um. Das ganz normale Alltagsoutfit für den Winter – nicht Anlassgebunden – Daunenbomberjacke, Schal und Mütze. Wieder ein Ort, der Geschichte schreibt. Hier hat Joerg Waehner am Abend des 9. November 1989 die Grenze überquert.

Joerg-Waehner05 Foto: S. O. Beckmann

Joerg Waehner im ganz normalen Alltagsoutfit

Der Künstler
Und dann gibt es noch ein sehr geliebtes Sommeroutfit, das explizit für uns aus dem Schrank geholt wird. Jetzt, wo die Tage hoffentlich bald wärmer werden passt das ja ganz gut. Die königsblaue Hose mit Totenkopfhemd und blauem Hemd darüber. Als Akzent setzt J. Waehner graue Wildlederschuhe. Ansonsten bleibt er BLAU. Und damit posiert er vor seinen Zeichnungen und seinem Porzellanset mit einer Frottage vom Holztisch des expressionistischen Künstlers Ernst Ludwig Kirchner.

Joerg-Waehner09

Joerg Waehner in Blau vor seinen Zeichnungen.

Hier zur Website von Joerg Waehner >>www.oe-ae.de
Hier gibt es Bücher von Joerg Waehner >>

Text & Fotos: S. O. Beckmann