Kostümdesign für den Weltraum – digital und analog

Kostümdesign für den Weltraum – digital und analog

Sandra Bullock und George Clooney in Weltraumanzügen und Helmen mit Visier. Foto © Warner Brothers

von Rose Wagner

Ist eigentlich eine renommierte Kostümbildnerin zu bedauern, die sich für einen Film auf wenige Outfits beschränken muss und nur Kleidungsstücke mit hohem Realitätsbezug liefern darf? Wohl kaum, wenn es um einen Hollywood-Blockbuster wie „Gravity“ geht. Die französische Designerin Jany Temine gehört zur Spitzenklasse ihres Metiers.

Für den Zweiteiler „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ erhielt sie die Auszeichnung der renommierten amerikanischen „Costume Designers Guild“. Erst kürzlich wurden ihre Kostüme für den James-Bond-Film „Skyfall“ (2012) prämiert.

Der Film „Gravity“ des in Hollywood erfolgreichen mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarónspielt im Weltall, also dort, wo Leben unmöglich ist. Und doch halten sich 600 Kilometer über der Erde die Astronauten Matt Kowalski (George Clooney) und Ryan Stone (Sandra Bullock) auf, um eine Arbeit am Hubble-Weltraum-Teleskop auszuführen. Plötzlich kommt es zur Katastrophe, und Kowalski und Stone trudeln nun hilflos in der Schwerelosigkeit und Unwirtlichkeit des Alls. Wie ist Rettung möglich?

Für „Gravity“ wurden hochkomplexe digitale und analoge Technologien entwickelt, um die im Grunde genommen einfache Geschichte einer Frau zu erzählen, die im Moment des äußersten Ausgeliefertseins ihre persönliche Tragödie überwindet und ihre Gebundenheit an die Erde erkennt.

Die Brillanz des Films liegt nicht in der Geschichte, sondern in der Computergrafik, der Bildästhetik und den Effekten. Anders als in üblichen Science-Fiction-Filmen – etwa „Into Darkness“ (2013) aus der Star-Trek-Serie – oder gar in Kostümfilmen wie „Anna Karenina“ (2012) ist die narrative Funktion der Kleidung in „Gravity“ begrenzt. Die besondere Bedeutung der Kostüme liegt in der überzeugenden Simulation von Schwerelosigkeit. Jany Temine stand vor der Herausforderung, Kostüme zu entwerfen, die äußerlich von realen Raumanzügen kaum zu unterscheiden sind und doch den spezifischen virtuellen und physischen Aspekten des Films Rechnung tragen. Die Raumanzüge, die Bullock und Clooney in den ersten Szenen tragen, wurden vollständig im Computer animiert. Das ist wahrscheinlich für die meisten Kostümbildner eine völlig neue Erfahrung. Hinzu kam, dass selbst in der virtuellen Welt die Ausleuchtung der Farbe Weiß schwierig ist. Da es sich aber um einen (vermeintlichen) NASA-Anzug handelt, war die Farbe festgelegt. Bei der Form des Anzugs nahm sich Temine allerdings einige Freiheiten. Der Schnitt ist ein wenig vorteilhafter, die Taille akzentuierter und die Beine sind länger als bei den realen Anzügen, „sonst wäre das nur ein großer, formloser Sack“.

Nachbildung eines NASA-Raumanzugs. Foto © Warner Brothers

Nachbildung eines NASA-Raumanzugs. Foto © Warner Brothers

Beim Anblick der im Weltall trudelnden Gestalten in ihren weißen Raumanzügen stellten sich bei meinem Begleiter Phantasien von fliegenden Weltraumelefanten mit gewickelten Beinen ein. Das ist so abwegig nicht, wenn man bedenkt, dass Raumanzüge unglaublich schwer sind, weil sie aus mehreren Schutzschichten und Systemen zur Temperaturregelung bestehen und zudem die Sauerstoffversorgung sicherstellen müssen. Das lässt ihre Träger notwendigerweise plump aussehen. Beim Spielen trugen George Clooney und Sandra Bullock Ersatzanzüge, denn in den schwerfälligen NASA-Anzügen hätten sie gar nicht agieren können. Damit ihre Bewegungen trotzdem aussahen, als steckten sie in richtigen Weltraumanzügen, mussten die Schauspieler unter ihren Kostümen zusätzliche Restriktionsanzüge anlegen. Deren Röhren wurden aufgepumpt, damit ein ständiger Widerstand zu spüren war. Das sollte die Beweglichkeit einschränken und den Schauspielern das Gefühl von Masse vermitteln, damit ihre Bewegungen denen von realen Astronauten im Weltall glichen.

Der russische Anzug, den Sandra Bullock im Verlauf der Handlung trägt, ist – anders als der komplett im Computer animierte NASA-Anzug – ein echtes Kostüm, das aus einem industriellen Gewebe gefertigt wurde. Russische Raumanzüge sind generell weniger unförmig als amerikanische. Eine Abwandlung gegenüber dem realen Vorbild besteht in zwei Reißverschlüssen, die Temine anbringen ließ, um dem Anzug eine weiblichere Passform zu geben und ihn schnittiger erscheinen zu lassen. Es wurde einige Zeit mit der passenden Farbmischung experimentiert und der Stoff speziell eingefärbt, bis schließlich der gewünschte grünliche Ton gefunden war, der das Licht korrekt reflektierte.

Variante eines russischen Raumanzugs. Foto © Warner Brothers

Variante eines russischen Raumanzugs. Foto © Warner Brothers

Die Helme, die Clooney und Bullock tragen, entsprechen nicht ganz denjenigen, die amerikanische und russische Raumfahrer im All aufsetzen. Um die Gesichter der Schauspieler besser zur Wirkung kommen zu lassen, wurden Abweichungen vorgenommen. Während die Grundformen der Helme noch in der gewohnten analogen Weise entworfen wurden, fand die Gestaltung der Visiere komplett am Computer statt. Dabei konnten Jany Temine und ihr Team von Erfahrungen und Entwurfstechniken aus der Automobilindustrie profitieren.

Überraschenderweise bereitete der Designerin ausgerechnet das schlichteste Kostüm des Films das größte Kopfzerbrechen. Sandra Bullock entledigt sich im Verlaufe der Handlung ihres schweren Anzugs und schwebt in Unterwäsche durch die Korridore einer Raumstation.

Die leichte Bekleidung hat eine wichtige Funktion für das Verständnis der Filmfigur, die in diesem Outfit besonders verletzlich erscheint. Sexuell konnotiert ist das Ganze nicht, zumal Bullock mit ihren kurzen Haaren androgyn wirkt und ihre kraftvoll geschmeidigen Bewegungen ihre körperliche Fitness demonstrieren.

Die Unterwäsche hat nicht nur eine dramaturgische und ästhetische Funktion, sondern auch eine praktische. Unter der Wäsche trägt Sandra Bullock ein Korsett, an dem Drähte befestigt waren, die sowohl ihrer sicheren Aufhängung dienten als auch dem Dirigieren ihrer Bewegungen durch professionelle Puppenspieler. Die komplizierte Verdrahtung sollte für den Zuschauer unsichtbar sein, deshalb musste exakt berechnet werden, wie viel textile Bedeckung nötig war, um die Apparatur zu verbergen. Dabei ging es um Millimeter. Die schwebenden Bewegungen, die das Drehbuch forderte, wären im Raumanzug unmöglich gewesen.

Sandra Bullock in Unterwäsche mit verdecktem Korsett. Foto © Warner Brothers

Sandra Bullock in Unterwäsche mit verdecktem Korsett. Foto © Warner Brothers

Das Kostümdesign für den Film erforderte den verstärkten Einsatz digitaler Technik und Computergrafik, was bei einem Science Fiction-Film nicht weiter verwundert. Doch wer hätte gedacht, dass im Hintergrund tatsächlich traditionelle Puppenspieler die Fäden ziehen?