Männer, Feste und die Mode

Männer, Feste und die Mode

Cool Cuts. Foto © Wilvorst

Sah George Clooney im Armani-Smoking und schwarzer Fliege bei seiner Hochzeit nicht umwerfend aus? Schmückte der Frack, den Daniel Westling bei seiner Eheschließung mit der schwedischen Kronprinzessin Victoria trug, ihn nicht ungemein?

Medienwirksam inszenierte Hochzeiten von Schauspielern und Royals bieten Ablenkung und Unterhaltung, sie wecken Bedürfnisse und prägen die Vorstellung von Hochzeitskleidung auch in Kreisen, für die das Zeremonielle nicht selbstverständlich ist.
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Festliche Weste aus der Linie „After Six“. Foto © Wilvorst

Die formale Herrenkleidung unterlag länger noch als die der Frauen stabilen Regeln, die sich nur schleichend in großen Zeiträumen veränderten. Zumal Hochzeitskleidung war strikt sozial gestaffelt und ein Indikator der gesellschaftlichen Position und ökonomischen Möglichkeiten der Brautleute.

In adligen Kreisen trat der Bräutigam im Frack vor den Altar. Die Glückwünsche beim nachmittäglichen Empfang nahm er in Cut, Stresemannhose und grauer Weste entgegen, zum Tanz am Abend wurde der Smoking angelegt.

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Smoking aus der Linie „Prestige“. Foto © Wilvorst

Diese Kleidungskonvention hat auch im 21. Jahrhundert noch Bedeutung, und eine Adelsfixiertheit des deutschen Bürgertums trägt dazu bei, dass der modische Auftritt bei festlichen Anlässen sich noch immer am Bekleidungsstil einer abgehobenen Minderheit orientiert. Die kulturprägende Wirkung sozialer Eliten ist zwar ungebrochen, doch wer nicht genau mit deren Dresscodes vertraut ist, kann schnell daneben greifen und sich lächerlich machen. Man muss schon George Clooney sein, um bereits vormittags einen Smoking tragen zu können, der doch, wie man aus den James-Bond-Filmen weiß, ein Abendanzug ist. Die Unbekümmertheit, mit der sich Clooneys Hochzeitsgesellschaft über die zeitlichen Festlegungen für bestimmte Kleidungsstücke hinwegsetzte, hat etwas Erfrischendes. Da es nicht jedem gegeben ist, Konventionen lässig beiseite zu schieben und dabei noch bella figura zu machen, gibt es auch für Männer Stilberater, zum Beispiel von Wilvorst (http://www.wilvorst.de/hochzeit-entdecken/was-traegt-mann-wann.html)

Für den oberflächlichen Betrachter scheint sich die aktuelle Festtagsmode nicht von der vor dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren zu unterscheiden. Doch eine, die es wissen muss, sagt: „Das stimmt nicht. Es ist viel in Bewegung bei der festlichen Mode für Männer“. Sabine Vordemfelde, die bei Wilvorst, dem Marktführer in der Anlassmode, für Einkauf und Produktentwicklung zuständig ist, zählt die Bereiche auf, in denen es deutliche Veränderungen gibt.
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Smoking aus der Linie Cool Classics und Turnschuhe. Foto © Wilvorst

Das Material ist pflegeleichter und weniger knitteranfällig als früher, die Schnitte sind körpernäher und es gibt witzige Neuheiten wie Westen mit Sakkokragen oder Paspelierungen in Kontrastfarben. Die Farbpalette ist breiter, bei der Textur wird experimentiert und bei den Accessoires ist vieles möglich, was vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre, beispielsweise Turnschuhe zum Smoking.

Bei Wilvorst werden seit fast 100 Jahren Anzüge produziert. Der Firmengründer Wilhelm Vordemfelde übernahm 1916 die Herren- und Knabenkleiderfabrik Graf & Teuchert in Stettin und änderte den Namen in Wilvorst, ein Akronym seines Namens und seiner Heimatstadt Stettin. Nach der Flucht siedelte er 1946 das Unternehmen in Northeim bei Göttingen an, und sein Neffe, Friedrich-Wilhelm, baute es zu einer führenden Textilmanufaktur aus, die heute von Dr. Karl Wilhelm Vordemfelde, dem Großneffen des Gründers geleitet wird. In mancher Hinsicht ist Wilvorst immer noch ein Familienunternehmen, in dem die Ehefrau des Chefs die modischen Weichenstellungen mit verantwortet und zwei der drei Töchter für die Werbefotos modeln.

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Smoking und Cut der Linie Tziacco, 2014. Foto © Wilvorst

Wilvorst konzentriert sich seit 1965 auf Anlassmode. Seitdem hat sich die Welt gründlich verändert, und das schlägt sich in der Mode nieder, die immer ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklungen ist.
Die Zahl der Eheschließungen geht zurück, und es gibt immer weniger Gelegenheiten, sich festlich zu kleiden, kaum noch Bälle, kaum noch Verlobungsfeiern. Immer weniger Menschen sind Mitglied einer Kirche, mit der Folge von weniger Taufen, weniger Feiern von Konfirmation und Kommunion und dem festlichem Kirchgang in Feiertagskleidung. Zum Konzert oder der Oper erscheint der größte Teil des Publikums in Straßenkleidung. Die Studentenbewegung mit ihrer egalitären Modeauffassung hat auch die nachfolgenden Generationen dem feinen Zwirn entfremdet.

Gerade wegen des Rückgangs an festlichen Gelegenheiten werden die verbliebenen häufig pompös gefeiert. „Seit ungefähr 20 Jahren werden die Hochzeiten immer aufwendiger und größer“, sagt Sabine Vordemfelde. Für einen Fabrikanten von Anlassmode ist das erfreulich.

Die festliche Mode gründet sich auf Konstanten, die trotz der neuen Variationen bei Details ihre Gültigkeit behalten. Vielleicht liegt die anhaltende Attraktivität der klassischen Festtagskleidung gerade darin, dass es einen unveränderlichen Kern der Wiedererkennbarkeit im Fluss des ständigen Wandels gibt. Bei Wilvorst – wie bei allen Schneidern von klassischer Hochzeitsmode – kommt die Inspiration zwar aus der Vergangenheit, doch es wird nach Wegen gesucht, einen Frack, einen Cut oder einen Smoking zu entstauben und ihm eine zeitgemäße Anmutung zu verleihen.

Dr. Karl Wilhelm Vordemfelde führt uns durch den niedersächsischen Stammbetrieb, in dem noch immer eine vollstufige Anzugsproduktion läuft, die täglich in einem hocharbeitsteiligem Verfahren 196 Anzüge liefert, ein Viertel des Gesamtsortiments. Die übrigen Dreiviertel werden in Rumänien und Kroatien produziert. Diese Auslagerung hilft, die deutlich höheren Lohnkosten des Northeimer Betriebs zu kompensieren. Die großen internationalen Textilketten haben ausnahmslos ihre gesamte Produktion nach Südostasien verlagert.

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Blick in die Halle der Sakko-Produktion. Foto © Rose Wagner

Die Zahl der Wettbewerber nimmt zu. Wilvorst reagiert darauf mit einer Ausdifferenzierung seines Angebots und bietet mittlerweile auch Business-Kleidung und Tagessakkos an. Hoffnungsvoll stimmt, dass seit einigen Jahren Abi-Feiern aufwendiger und Kreuzfahrten immer populärer werden und die Nachfrage nach festlicher Kleidung leicht steigt.
Wilvorst hat viele Prominente eingekleidet, darunter Pavarotti und die Berliner Philharmoniker. Spezialanfertigungen im Einzelschnitt, auch in Größen über 68, sind möglich. Und wer einen mitternachtsblauen Smoking aus feinstem Tuch mit glänzendem Seidenrevers wünscht, der dem Hochzeitssakko von George Clooney gleicht, wird bei Wilvorst fündig werden. Schließlich ist edle Anlassmode die Spezialität des Hauses.

Text: © Rose Wagner



www.breuninger.com