Netherlands Dance Theater im Haus der Berliner Festspiele

Netherlands Dance Theater im Haus der Berliner Festspiele

Der Tänzer Prince Credell in dem Stück STOP-MOTION

Nach 15 Jahren ist es wieder so weit. Das Netherlands Dance Theater beehrte Berlin mit drei ausgezeichneten Tanzstücken. Demzufolge war das Haus der Berliner Festspiele wieder einmal bis auf den vorletzten Platz ausverkauft. Aber irgend jemand kommt dann doch nicht, so dass man auch noch eine 60 Euro Karte für 20 bekommen konnte und in der zweiten Reihe ganz nah dran war.
Mir hat mein Platz im Rang Mitte besser gefallen. Da gab es den besseren Überblick, denn die drei Tanzwerke des Netherlands Dance Theater sind in ihrer Gesamtheit von oben besser zu erfassen.

Modernes Tanztheater ist keine leichte Kost. Zumal heute die dort erzählten Geschichten meist so abstrakt dargestellt werden, dass der Eindruck von permanentem Schmerz und Peinigung das Thema zu sein scheinen.
Anders inszenierte das Netherlands Dance Theater die Stücke SHOOT THE MOON, THIN SKIN und STOP-MOTION. Die Erwartungen, hier super modernes Tanztheater zu sehen, wurde nicht erfüllt. Darin liegt auch keine Wertigkeit. Das Gute überlebt schließlich die Zeit und was man hier von Sol León und Paul Lightfoot sah, war GUT.

Allein die reduzierte Farbigkeit der Bühnenbilder und Kostüme erzeugten in allen Nuancen des Schwarz-Weiß-Spektrums eine unglaubliche Dramaturgie. Von der tänzerischen Leistung ganz zu schweigen. Neben Jorge Nozal, dem Star unter den Tänzern, zeigen die Jungen des Ensembles die Geschmeidigkeit des Klassischen, die hin und wieder durch expressive aber pointierte Bewegungen gebrochen wurden.
Ein Geflecht an Beziehungsschwankungen sind das Thema bei „Shoot the Moon“. Die Zerbrechlichkeit und Sensibilität von Beziehungen werden aufgegriffen und tänzerisch phänomenal umgesetzt. Was tut gut und was wirkt zerstörerisch, was tragen wir für Altlasten vorheriger Generationen in uns. Ein Thema, das alle betrifft und jeden berührt.

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SHOOT THE MOON. Fotos: Rahi Rezvani

Das Bühnenbild in drei konzentrisch angelegten Zimmern dargestellt, die durch Türen und Fenster miteinander verbunden sind. Sie drehen sich und eröffnen den Blick in die Welten des inneren und äußeren Raumes, durch den wir hindurchgelangen oder in dem wir auch gefangen sein können. Videoprojektionen transportieren das Geschehen in den verdeckten Räumen auf die Bühne und unterstreichen diese Durchlässigkeit. Das kann als Metaebene verstanden werden oder auch als bildnerisches Mittel. Es wirkt auf jeden Fall und lässt die Bindungen der fünf Tänzer fließend ineinander greifen. Das Movement II aus Tirol Concerto für Klavier und Orchester von Philip Glass verstärkt die Emotionalität und das ganz klar auf die 1920er Jahre anmutende Kostümbild verweist hier auf die Geschichte, die wir in uns tragen. So subtil und pointiert die Choreografen Sol León und Paul Lightfoot hier Bild- und Körpersprache mit ihren TänzerInnen inszenieren, so sehr begeistern sie mit ihren Stücken.
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Jorge Nozal und Anna Herrmann in STOP-MOTION. Foto: Rahi Rezvani

Das zweite von León und Lightfoot inszenierte Stück STOP-MOTION toppte dann alles. Immerhin ist das Stück von den niederländischen Tageszeitungen mit 4 Sternen ausgezeichnet.

Beeindruckend, wie suptil sich hier Geschichte und Gegenwart ineinander verflechten, wie Adaptionen von Kunstgeschichte und neuen Medien sich vereinen. In Anspielung auf die Geschichte um Vermeers Bild, „Das Mädchen mit dem Perlenohring“, erscheint die Tochter des Choreografen, Saura, in barockem Gewand, halb abgewandt auf einer Leinwand in Schwarz-Weiß und dreht sich in Zeitlupentempo um sich selbst. Das Bild um sie ist ein Nebenschauplatz, doch bezieht es sich immer wieder auf das tänzerische Geschehen auf der Bühne.

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Foto: Rahi Rezvani

Es sind immer 3, 5, 7 oder 9 Personen, die involviert sind und die Frage ist, was spielt diese ungerade Zahl für eine Rolle?

Eine Tänzerin in schwarzem Barockgewand mit meterlanger Schleppe setzt in ihrem Tanz die Assoziation des mordenden Begattungsrituals der Schwarzen Witwe frei, indem sie den Tänzer mit ihrer Schleppe einhüllt. Weißer Mehlstaub wirbelt auf und lässt Konturen verschwimmen, taucht das bewegte Bild zusätzlich in Nebel, der ohnehin schon in Schwaden über der Bühne hängt.

Die Videoprojektionen bilden das Bühnenbild und erzählen Geschichte von Endlichkeit und Auflösung. Ein riesiger nackter Mann fällt in Zeitlupe in der Waagerechten aus dem Dunkeln in das Nichts des Bodens. Das Mädchen mit dem Perlenohring dreht sich weiterhin und lässt Sand durch ihre Hände rieseln, bis es sich im Schwarz der Leinwand langsam auflöst. Der finale Flug einer Eule, quer über die hintere Bühnenwand, scheint die Auflösung der Existenz zu besiegeln, bis schließlich das gesamte Bühnenbild tänzerisch und szenisch verschwindet.

Hier ein Video zu STOP-MOTION >https://www.youtube.com/watch?v=jghMvPVpYRY

Text: S. O. Beckmann
Fotos: Rahi Rezvani