Die Potsdamer Straße erfindet sich neu

Die Potsdamer Straße erfindet sich neu

MAIDEN MOTHER & CRONE . Foto: S. O. Beckmann

Die Potsdamer Straße wandelt sich seit dem Gallery Weekend

In Berlin gibt es immer etwas zu tun. Das Jahr beginnt mit den Modewochen, dann folgt das Filmfestival, die Berlinale, Pressdays und dann schnauft man schon wieder quer durch die Stadt, um sich der Kunst zu widmen. Besser als die ehemalige Kunstmesse im ICC ist das Gallery Weekend. Denn die Stadt in fast allen Bezirken belebt dann ganz neu. Am deutlichsten war das wohl in der Potsdamer Straße, die bis vor noch nicht allzu langer Zeit Brachland der Kunst und Mode (sowieso) gewesen ist. (Erst zogen sie alle weg und nun kommen sie zurück).

Zwischen Rotlichtmilieu, der legendären Kneipe Kuckucksnest, dem Varieté Wintergarten und den vielen kleinen obskuren Lädchen siedelt sich nun langsam eine neue Szene an. Am Gallery Weekend hatte man allerdings das Gefühl, die neue Szene schwappt mit einem Schwung ins Armenviertel.

Fiona Bennett mit ihren spektakulären Hüten war die Erste, die vor ca 2 Jahren aus Mitte hier hin zog. Am Gallery Weekend zeigte sie sich sogar bis acht Uhr abends arbeitend in ihrem Schaufenster.

Viele Galerien outeten sich in den Belles Étages, in den Hinterhöfen und Geschäftshäusern. Aber nicht nur Kunst öffnete sich der Menschheit. Viele kleine Startup-Restaurants öffneten am Wochenende mehr provisorisch ihre Türen, um das kunsthungrige Publikum auch kulinarisch zu versorgen.

Die verschwundene Sparkasse zeigt sich nun in neuem Licht. Seit Freitag eröffnet und geteilt von dem Laden „AM“ und dem Cafe TIETZ.

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Der Laden „AM“ und das Cafe TIETZ in der Potsdamer Strasse. Fotos: S. O. Beckmann

Der Laden, der noch keinen Namen hat, wir nennen ihn „OHNE NAMEN“, fällt durch seine ausgesprochen puristisch und subtil detaillierte Gestaltung mit sehr besonderen Designobjekten auf. Hier kann man kaufen und sich von dem Innen- und Architekten-Team zum Umbau und Neugestalten seiner Wohnung beraten lassen.
Die ehemalige Sparkasse in der Potsdamer Straße ist ganz schlicht in Grau gehalten. Hans Olaf Schulz, einer der Besitzer, führt mich durch den Laden und erklärt mir jedes Ausstellungsstück und wie er seinen Kunden ein Bild von Möglichkeiten präsentiert.
Nur ein schwarzer Block und zwei Tische zeigen, was als Interior möglich ist. E15- Designs und wunderschöne, handgebrannte, marokkanische Kacheln sind zwischen Holzmöbeln und Lampen drapiert. Teppichproben, Betten und Sitzmöbel wirken alle als Solitär in diesen großen Räumen, die irgendwie mit Andreas Murkudis zusammenhängen. Es lohnt sich schon einen Blick in diese Welt zu riskieren (denn zu schwer kann man den Dingen im Laden „Ohne Namen“ widerstehen). Man bleibt und fühlt und schaut und genießt es. Auch eine Art Kunst und wesentlich zugänglicher als einige Kunstwerke in den Galerien rundherum.

Das Cafe TIETZ, das mit 8 Bildern von Michael Schackwitz lockte, hat zwar einen Namen aber nicht die angekündigte Kunst. Die wurden nur mit einem Riesenplakat mit „coming soon“ angekündigt. Dort tranken wir unseren Kaffee, bekamen die Welt mit einem neuen Magazin „BLAU“ geschenkt und verdauten erst mal die Menschen- und Kunstmassen.
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Die Welt im Cafe TIETZ. Foto: S. O. Beckmann

Ein paar Häuser weiter grillten drei Jungs mit Schürze Veganes und Merguez vor ihrer noch unfertigen Essen – Feier und Chill-Location. Dort wird es Kräuter, Essen und Wein geben. Sie haben allerdings schon einen Namen, dafür jedoch nur einen provisorischen Tresen. In drei Wochen kann man sich hier auf „MAIDEN MOTHER & CRONE“ freuen und Mittelmeerküche mit libanesischen Weinen genießen.
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MAIDEN MOTHER & CRONE . Foto: S. O. Beckmann

Die Ausstellungen sollten ja nie als gut oder schlecht bezeichnet werden, denn gute Kunst hat nichts mit Geschmack zu tun. Also wollen wir hier keine Kunstkritik üben – sondern uns ganz unprofessionell auf unseren Geschmack und das verlassen, was uns berührte.

Da gab es zwischen den ganzen Trash- und Nicht-Trashkunstobjekten eine ganz stille Ausstellung, die uns als Stoffexperten berührte. Die Galerie ARRATIA BEER zeigte im Hinterhof der Potsdamer Strasse 87 die Künstlerin Haleh Redjaian mit textilen Arbeiten und Wandinstallation. Konzeptionell, sinnlich und tiefgründig. Sollte man sich mal ansehen.

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Sehr sympathisch war das ganze Wochenende – denn so unfertig kann nur Berlin sein. Das Unperfekte hat eben auch seinen Reiz. Tja „Das Wesen der Zeit besteht in der Veränderung der Dinge“ (Helmar Nahr) – zitiert mein Freund OEAE immer und so verhält es sich mit der Potsdamer Straße eben auch.

Hier eine kleine Galerie mit Impressionen aus dem Laden „AM“ von Andreas Murkudis >>

Text: S. O. Beckmann
Fotos: S. O. Beckmann & Jenny Kolossa