Rückblick: seefashion 15

Rückblick: seefashion 15

Entwürfe aus Workshops der Master- und Bachelorstudentinnen seefashion 2015 der KHW

Die Abschlusskollektionen der Hochschulen Berlins bilden die Modeevents zwischen den Modewochen. Das hat sein Gutes, da dann der Fokus auf den Nachwuchs konzentrierter sein darf. Schließlich gibt es jede Menge Talente der Kunsthochschule Weissensee, die bisher mit anerkannten Preisen ausgezeichnet wurden u. a. das Berliner Label Steinrohner, Bobby Kolade und Tomasz Sadel (wir berichteten darüber)
Die Kunsthochschule Weißensee präsentierte am 17. Oktober mit der seefashion 2015 24 Bachelor- und Masterkollektionen in der Station Berlin.

Die Professor*innen Patrick Rietz, Doreen Schulz und Clara Leskovar, Zane Berzina und Heike Selmer begleiteten die Absolvent*innen zu ihren erfolgreichen Abschlüssen.

Viel Männermode, Strick- und Layerlooks, Asymmetrien und experimentelle Stoffentwürfe, Materialmix und Patchwork zeigen Adaptionen des unmittelbaren Umfelds der jungen Designer mit ihrem Blick auf die heutige Welt.
Männermode wird immer mehr zum Thema und erlaubt sich experimentell und urban zu sein. Viele Designer*innen befassen sich mit Unisexkollektionen. Die Geschlechterrollen gleichen sich in der Mode zusehens an.
Asymmetrien sind offenbar ein Muss aber auch ungewöhnliche Materialien aus dem Baumarkt finden in diesen Kollektionen Verwendung. Das Materialspiel ist schon sehr experimentell und bisweilen etwas to much für den Normalgebrauch. Aber das dürfen Studenten, denn nichts wäre langweiliger als Mainstream-Kollektionen für die Konfektionsindustrie auf dem Laufsteg einer Modeschule.

Susi Hinz ist da am experimentierfreudigsten mit Kordel-, Strick- und Printcollagen aus Zeichnungen und allerlei Bildwelten, die die Großstadtkinder ganz so nebenbei visuell aufnehmen. Sie bedient sich alter Kleider, die sie einsetzt, umfunktioniert und zerstückelt, interpretiert neu. Es sind mehr Modeobjekte als tragbare Outfits. Doch das macht nichts – denn es ist erfreulich zu sehen, dass Mode auch Kunstobjekt sein darf. Eine Idee herunter brechen kann man immer.

 

New Romantics (Basics forms of anxiety). Was ANXIETY hier auch immer bedeuten mag. Hannah Maria Schmutterer experimentiert in ihrer Bachelor-Kollektion mit allerlei Material, das sie wild kombiniert. Marienbilder, Fellstücke, Stofffetzen. Häkel, Web und Strickfragmente bauen sich übereinander auf und suggerieren eine etwas von der Welt abgewandte Prozession. Man ist gespannt, was folgen wird.
Lena Chabrova und Kristina Huber zeigen sich da etwas dezenter. Ihre Unisexkollektion „Sieg über die Sonne“ ist gemacht für junge Großstädter. Lebendig, bunt, zerrissen und trotzdem auch ein wenig elegant – führen sie mit klassischen Schnitten materielle Experimentierfreude vor.
Lina Phyllis Falkner zeigt sich avantgardistisch im Stil, mit wunderschönen Mohairmänteln und transparenten Layerings. Selbstbewusst, lebensfroh und unbedingt bodenständigist diese Bachelorkollektion „Allerleirauh“
„Crossing Lines“ setzt Mira Hardt in ihrer Kollektion um. Klare Schnitte werden aufgebrochen und in einer ebenso schlichten Klarheit wieder zusammengefügt. Plissees, Nähte und geraffte Drapagen vereinen sich hier sehr schön in einem stillen, erwachsenen Großstadtstil.
Auch Selima Sivim überzeugt mit ihrer Masterkollektion. Mit ihrem guten Gespür für Design und Tradition setzt sie gekonnt eine sensibel aufeinander abgestimmte Farbigkeit um. Japanisch anmutenden Entwürfe sprechen eine zurückhaltende Eleganz aus, die von großer Reife zeugen.
„BACK TO THE BOYS“. Mode für Jungs, die etwas anders sein wollen als der Mainstream. Mit Latzhosen, Steppjacken und Sweatern aus Printstoffen und Lochmustern greift die Bachelorabsolventin Jelena Gortana mit ihrem Stil eine Mixtur der multikulturellen Streetstylemoden einer Großstadt auf.
Sabrina Weigt kleidet die Frau von früh bis spät in einen Stil. Mit „Cultivated Naivete“ überzeugt sie trotz dieser stillen Linie aus Strick, Plissee und lässigen Schnitten mit einem sensibeln Farbkonzept. Sabrina Weight entwirft für reife Frauen, die es nicht mehr nötig haben durch Kleidung im Mittelpunkt zu stehen. Hier kommt es auf die gezielt eingesetzten Details an, die sehr sympathisch eine selbstbewusste Zurückhaltung suggerieren.
Qu´ avant. Mit viel Rot, Silber in detaillierten Schnitten, Layerings und einem interessanten Material-Mix, kombiniert die Designerin Judith Bondy eine wirklich spannende Linie für Männer und Frauen. Sie bricht mit Traditionen, greift Modegeschichte z. B. in einem Korsett aus Schrauben und Kunststoffbändern und lässt Männer gleichberechtigt neben den Frauen Transparenzen und flatternde Seiden um sich winden. Dabei schreit sie nicht nach dem aufgeregten“ ICH MUSS AUFFALLEN“ sondern bleibt auf gewisse Weise bodenständig und speziell. Sehr reif und durchdacht.
Carine Kuntz & Alexander Gaertner begeben sich in den Dschungel der Großstadt mit „MIND THE GAP“ zeigen sie eine Unisex Kollektion für junge Männer und Frauen. Bunt schrill, schräg in jeder Beziehung.

 

Mit „MEHR UND WENIGER – an intercultural collage“ zeichnet Caecilia Pohl junge Prints, asymmetrische Schnitte und Layerings für Jungs und Mädchen, die sich vom Mainstream in die japanisch anmutende Avantgarde angezogen fühlen.
Pina Riederer gibt mit ihrem Titel schon ein Statement ab. „I have no time for avant-garde“.
Sie kreiert tragbare Frauenmode, mutig, den Mainstream ganz bescheiden zu brechen. Dabei bleibt sie klassischen Schnitten treu und überrascht mit kleinen Details für den zweiten Blick. Also auch hier zeichnet sich ab, das Mode nicht immer der knallende Hingucker sein muss.
Wie Studenten den Augenblick eine Landschaft oder auch gefühlte Temperatur umsetzen, spiegelt Anne-Katrin Rülicke mit „12 Beaufort“. Wind, Wasser, Berge, Schnee. Die Farbigkeit der französischen Bergregion zeichnet sie in der Farbscala dieser Kollektion. Diese ausgereifte Männer und Frauenkleider – sind urban mit einem Hauch von Eleganz.

Dies sind nur Auszüge eines umfassenden Programms. Die Kollektionen sind auf jeden Fall vielfältig und zeugen von Experimentierfreude. Denn gerade im Studium können und sollen Student*innen auf der Suche nach dem richtigen Stil sich in ihrer Mode wieder finden und ausdrücken. Wie gesagt. Herunter-brechen kann man einen Stil immer.

Text: S. O. Beckmann
Fotos: Rafael Poschmann