Schleier, Abayas und Minishorts. Wohin geht die Mode?

Schleier, Abayas und Minishorts. Wohin geht die Mode?

Burkas von dem Berliner Label Starstyling. Provokation oder Demonstration? Foto: Starstyling.

In Zeiten der Verunsicherung durch Terror, Krieg und Glaubensfragen stellt sich die Frage nach dem Sinn des Schaffens – auch in der Mode.
Ein Ruck geht durch unsere westliche Gesellschaft, die bisher keine Antworten auf den Umgang mit Unterdrückung und Gewalt gefunden hat. Die Frage der Toleranz, die unsere Demokratie verteidigt, wird nach ihren Grenzen befragt.
Wir, die darüber schreiben, müssen uns selbstverständlich mit dem Thema auseinandersetzen.
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Ethnische Einflüsse in der Mode oder Inspiration? Foto: S. O. Beckmann

Die Mode wandelt sich. Sie ist immer der unmittelbarste Zeiger für das, was in einer Gesellschaft schon lange unterschwellig brodelt. Ich behaupte mal: Die neue Subkultur ist nicht die Jugend, sondern die zunehmende Durchmischung ethnischer Gruppen mit ihren Lebens- und Kleidungskulturen. Die Menschen suchen sich darin ihren Weg, neue Codes und neue Kleidungsstile zu finden.

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In der Mode lassen sich Designer immer wieder durch folkloristische und besondere Elemente ethnischer Völkergruppen inspirieren. Das wird sehr wohlwollend von den KonsumentInnen aufgenommen.

Die Einflüsse anderer Kulturen, durchmischt mit europäischem Gusto, gefällt. Da macht man sich keine Gedanken, ob es passt oder nicht. Wenn der Trend es bestimmt, dann passt es schon – egal wie es aussieht, egal welche Symbolik dahintersteht. Entkoppelt man doch einfach mal so eben das Kleid, das Muster, weil es gut ausschaut und macht es zu etwas Neuem…

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Stine Goya Kollektion auf der Fashion Week Berlin 2010 und rechts: Kollektion HW 2016

Leyla Piedayesh von Lala Berlin, löste das Palästinensertuch aus seinem politischen Kontext heraus. Aus welchen Gründen auch immer die aus dem Iran stammende Designerin dieses Frieden verheißende Rautenmuster immer wieder verwendet – es hat keinerlei politische Bedeutung mehr.
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Leyla Piedayesh interpretiert das Muster des Palästinensertuchs immer wieder neu. Fashion Week Berlin 2013

Die Diskussion über die Verträglichkeit von symbolbehafteten Kleidungsstücken in der abendländisch geprägten Haltung findet statt. Zentrale Frage bei dieser Auseinandersetzung sollte doch das WARUM sein. Warum stört oder gefällt ein Kleidungsstück? Was interpretieren wir in andersartige Kleidung? Wo fängt die politische Dimension an und wo endet verspielte Gefälligkeit der folkloristischen Attitüden?

Man mag denken was man will, ob wir in der Mode nun die Islamisierung, Schleier, Kopftuch, Burka, Nikab und Tschador aufnehmen müssen. Die Diskussionen nehmen nicht ab und selbst die Ultramultikultibefürworter denken sich ihren Teil, wenn maskierte, schwarz gekleidete Frauen zunehmend das Straßenbild bestimmen. Wie fühlen wir uns dann? Macht es uns wütend? Überkommt uns ein betretenes Gefühl ob unserer Nacktheit? Ist es uns egal oder denken wir nur kurz darüber nach, dass das Straßenbild sich verändert hat? Sind wir Rassisten wenn wir zugeben, dass es uns stört? Es ist jedoch inzwischen Teil neben unserer Haut zeigenden Kleidungskultur geworden.

Kopftuch und Abaya können auch schön sein. Es kommt nur darauf an, wer darinnnen steckt.
Dolce & Gabbana bewirbt 2016 mit verführerischen Blicken unter einem Schleier die neue Kollektion. Islamisch konform kann auch gut aussehen, besonders wenn es teuer ist, impliziert allerdings auch eine gewisse Haltung, die unserer westlichen Auffassung von Gleichberechtigung und Freiheit entgegenwirkt. Westliche Männer mögen das Bild einer verschleierten Frau auch verführerisch sehen – das ist allerdings ein anderes Thema….

Es geht hier auch weniger darum, ob es gut aussieht und eine Möglichkeit des neuen Styles ist, als vielmehr um Respekt und Achtung voreinander und zwar auf beiden Ufern.
Diskutiert man hier darüber, offenbart sich eine gewisse Ratlosigkeit im Umgang mit diesem Thema.
Andererseits wird auf muslimischer Seite in den fundamentalistischen Riegen gar nicht erst diskutiert. Wir, mit unserer Freikleiderkultur werden verhöhnt, verachtet und am liebsten für unser Lotterleben gesteinigt.
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Neu interpretierter Orientalismus? Sam Frenzel Fashion Week Berlin. Foto: S. O. Beckmann

Klar, aus unserer Sicht sind die voll verschleierten Frauen unterdrückt und leben kein autarkes Leben von ihren Männern. Aus unserer Sicht ist dies Freiheitsberaubung – ein No Go, völlig inakzeptabel. Diese Form von Kleidung steht im Widerspruch zu unserer demokratischen Grundhaltung.

Hier herrscht ganz demokratisch Schleiererlaubnis. Sollen wir im Schleier rumlaufen, uns von den Fundamentalisten steinigen lassen oder sollen wir den Schleier verbieten? Wir brauchen Integration, auch in der Kleidung. Und bitte schön, wer das nicht will, kann ja zurück in sein zerstörtes Land. Wir wollen Frieden, Toleranz und Freiheit. Wir brauchen auch unsere Wurzeln, um denen Halt zu geben, denen die Wurzeln genommen wurden durch diese Despoten wie Assad, Erdogan und Konsorten.

Ich finde es schön, eine ästhetisch stilvoll gekleidete Frau mit Kopftuch, die stolz an mir vorüber geht, Offenheit und Selbstbewusstsein als Frau ausstrahlt und der Männerunterdrückung trotzt, anzuschauen. Lieber als eine in Minishorts bekleidete Europäerin, die ihre Cellulitis so ganz ungeniert zur Schau stellen muss. Ich finde aber auch eine ästhetisch stilvoll gekleidete Frau ohne Kopftuch, die stolz an mir vorüber geht, die Offenheit und Selbstbewusstsein als Frau ausstrahlt und der Männerunterdrückung trotzt, schön anzuschauen.

In Frankreich ist die Diskussion darum in vollem Gange. (FAZ: Die französische Familienministerin Laurence Rossignol hält die Kollektionen der Modehäuser für unverantwortlich: „Sie entziehen sich ihrer sozialen Verantwortung und werben in gewisser Weise für ein Einsperren des weiblichen Körpers.“) Soll das nun heißen, dass wir Westeuropäer keine Mode für die muslimische Bevölkerung entwerfen – schon gar nicht verkaufen sollen? In Deutschland getraut man sich nicht, die Frage um die Verschleierung so offen zu führen. Wir haben schließlich keine reine Vergangenheit und stehen immer noch in der Schuld des Naziregimes. Also Toleranz ist geboten. Worum geht es den westlichen Modehäusern also, wenn sie Schleier und Abayas auf die Laufstege bringen? Um das finanzkräftige, arabische Käuferklientel oder wirklich um Mode?

Islamisch konforme Mode ist tatsächlich eine Marktlücke. Der Bedarf ist da und wird zunehmen. Die Mode wird sich verändern. Wo ist also die Grenze des Akzeptablen? Welche Kleider-Regeln sollen in einem Land multiethnischer Gruppen gelten? Haben wir das Recht zu bestimmen, was in Deutschland getragen werden darf und was nicht?

In den üblichen Modehäusern gibt es keine Mode für sich anders kleidende Kulturen – obwohl seit den 1950er Jahren Muslime in Deutschland leben. Schon eine Ausgrenzung?
Man speist türkisch, arabisch, libanesisch, syrisch, indisch, etc. Man hört die Musik der Länder. Aber mit ihrer Kleidungskultur wollen wir nicht belästigt werden. Wir wollen sie auch nicht bedienen. Wenn junge Muslime einen Burqini (Erfinderin: Aheda Zanetti, australische Designerin) auf den Markt bringen, löst das politische Debatten aus. Soll man doch froh sein, dass muslimische Frauen schwimmen lernen – ob angezogen oder nackt. Ist das nicht auch ein Stück Freiheit? Im Grunde zeigt die Diskussion darum sehr viel Intoleranz. Schließlich sollte man bedenken, dass diese jungen Frauen einen Weg gefunden haben, hier ihre Freiheiten, angezogen, für sich einzunehmen, ohne mit ihrem Glauben bzw. Männern in Konflikt zu geraten. Man sollte diese neuen Wege, die immer Kompromisse sind, dankbar annehmen, anstatt darüber zu streiten, ob eine junge Muslimin mit einem Burqini bekleidet ins Schwimmbad gehen darf oder nicht. Da gibt es andere Anblicke, die weitaus unerträglicher sind, ästhetisch ein Verbrechen. Pommes-frites genährte Speckfalten mit politisch rechts-außen implizierenden Tattoos geschmückt, verweigert man den Zugang zum Schwimmbad auch nicht.

Im Netz gibt es mittlerweile genügend Plattformen wie modeststreetfashion , die sich mit dem Thema auch für junge Musliminnen auseinandersetzen.

Die in Australien lebende Designerin Diana Kotb gründete nach ihrem Studium als ausgebildete Modedesignerin mit einem Abschluss für Kommunikation und Business und nach einer 10 jährigen Karriere in der Fashion Industrie ein eigenes Label. Schon ihre Mutter nähte sich die Kleider für verschiedene Anlässe selbst, da es keinen High Fashion Markt für muslimische Frauen gab. Diana Kotb zeigt, dass auch in einer westlichen Welt muslimische Frauen verhüllt, zurückhaltend, keineswegs unterdrückt und in ihren Kleidern gefangen sein müssen. Sie ist eigentlich die Hoffnung auf dem Modemarkt, selbstbewusst, respektvoll und stolz zu ihren Wurzeln zu stehen.

Schließlich muss man sich auch mal klar machen, dass aus keinem Deutschen so mal eben schnell ein Araber wird und umgekehrt wird aus einem Araber nicht von heute auf morgen ein Deutscher. Also bleibt nur Respekt vor dem anders Seienden und es so zu nehmen wie in der Musik. Mischen und Neues kreieren – aber bitte keine Niqab.

Text: S. O. Beckmann
Foto Top: Mit freundlicher Erlaubnis von Starstyling
Fotos: S. O. Beckmann

BRISANTES THEMA: WENN FRAUEN SCHLEIER TRAGEN – WOHIN GEHT DIE MODE?

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