Schmidttakahashi – ein Berliner Label mit Hintergrund

Schmidttakahashi – ein Berliner Label mit Hintergrund

Frühjahr/Sommer 2013/14. Foto © Mary Scherpe

Berlin ist die Hauptstadt des Nachhaltigkeits-Chic. Zweimal jährlich finden die Messen „Green Showroom“ und „Ethical Fashion Show“ statt, die Zahl der Second-Hand-Läden und Textil-Workshops wächst stetig, und Upcycling-Fashion-Touren machen Station bei Designern, die Mode aus gebrauchter Kleidung herstellen. Beim Upcycling mit konzeptionellem Anspruch sticht das Label Schmidttakahashi (http://www.schmidttakahashi.de/) besonders hervor.
Schmidtakahashi.Foto © Jule Felice Frommelt

Herbst/Winter 2011/12. Foto © Jule Felice Frommelt

Eugenie Schmidt aus Duschanbe in Tadschikistan und Mariko Takahashi aus dem japanischen Hiroshima lernten sich an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee kennen, wo erstere Modedesign und letztere Textil- und Flächendesign studierte. Ihre gemeinsame Abschlussarbeit „Reanimation – Wiederbelebungsmaßnahme“ im Jahr 2009 war der Beginn eines Upcycling-Modekonzeptes, das sich seitdem stetig weiterentwickelt. Es beruht auf eigenen Erfahrungen mit überfüllten Kleiderschränken und der Notwendigkeit, sich von etwas trennen zu müssen, was zum Wegwerfen zu schade ist. Ihrem Konzept liegt die Vorstellung zugrunde, dass Spuren der Persönlichkeit des Trägers sich in seiner abgelegten Kleidung erhalten.

schmidtakahashi Foto: Rose Wagner

Eugenie Schmidt. Foto © Rose Wagner

Die Designerinnen sammeln getragene Kleidung – eigene und fremde – in einem „Archiv“, das Fundus und Datenbank vereint. Es enthält nicht nur Kleidungsstücke, sondern in vielen Fällen auch Angaben zu deren Geschichte, die von den Spendern mitgeteilt wird. Diese Hinweise werden zusammen mit Informationen über Material, Farbe und Besonderheit des Kleidungsstücks gespeichert. Jedes neue Modell des Labels wird am Etikett mit einem QR-Code versehen, der von jedem Smartphone mit einem QR-Scanner gelesen werden kann und Angaben zur Provenienz der Ursprungstextilien aus der Datenbank liefert.
Schmidtakahashi Foto © Jule Felice Frommelt

Herbst/Winter 2011/12. Foto © Jule Felice Frommelt

Das Besondere am Label Schmidttakahashi ist die Kombination von Wiederverwertung, kühlem Design und neuester digitaler Technik, die integrativer Bestandteil des kreativen Prozesses ist.

Die Aufbereitung der getragenen Kleidungsstücke ist zeit- und personalintensiv und mit einem hohen Anteil von Handarbeit verbunden. Manche Gebrauchsspuren wie kleine Löcher oder Verfärbungen werden bewusst belassen, um die Vorgeschichte des Kleidungsstücks nicht auszulöschen. Anfänglich fertigten Schmidttakahashi nach eigens entwickelten Schnitten ausschließlich Unikate.

Schmidtakahashi Foto © Jule Felice Frommelt

Frühjahr/Sommer 2011. Foto © Jule Felice Frommelt

Weil das extrem aufwendig und damit auch teuer ist, riefen die Designerinnen die Zweitlinie „Duplikat“ ins Leben. Dafür werden ausgewählte Modelle aus der Unikat-Linie aus zugekauften Stoffen in kleiner Auflage genäht. Jedes Duplikat enthält mindestens ein Teil von einem gebrauchten Kleidungsstück aus dem Archiv.

In einer Kooperation mit der Zeitschrift „Brigitte“ wurde ein Duplikat, das sogenannte Schmetterlingskleid, in höherer Auflage produziert als üblich. Finanziell erfolgreich war das Unternehmen jedoch nicht. Es zeigte sich, dass die Kundinnen von einem kleinen Label die gleichen Leistungen erwarten, wie sie die großen Internet-Versandhändler bieten, die ein kostenloses Rücksenderecht einräumen. Allein die Bearbeitung von Stornierungen band tagelang die Arbeitskraft bei Schmidttakahashi.

Der Designprozess folgt keinem festen Schema. Manchmal steht am Anfang ein neues Schnittmuster, und dann beginnt im Archiv die Suche nach passenden Stücken. Der kreative Prozess kann jedoch auch durch die markante Eigenheit eines gebrauchten Kleidungsstückes angestoßen werden, etwa einem ungewöhnlichen Kragen oder ein ausgefallenes Innenfutter.

Schmidtakahashi Foto: Rose Wagner

Rock mit Makramee-Bund und QR-Code. Foto © Rose Wagner

Schmidttakahashi reizt die Herausforderung, etwas bereits Geformtem völlig neue ästhetische Aspekte abzugewinnen und mit unterschiedlichen Materialien zu experimentieren. Schon aufgrund ihrer Biografien sind die Designerinnen offen für Experimente und das Zusammenführen von bislang nicht Zusammengedachtem. Die Designerinnen gehen in eine Richtung, für die es in der Berliner Designszene kein Pendant gibt.

Manchmal setzen sie sich für eine Kollektion mit einem Thema intensiv auseinander, etwa Jeansstoff, Innenfutter, Makramee oder Plissee, wenn es davon in ihrem Archiv interessante Beispiele gibt. Mittlerweile haben sie zehn Kollektionen für Frauen und Männer entworfen. Ihre ästhetische Handschrift wird von Jahr zu Jahr sicherer und ihr Spektrum breiter.

Schmidtakahashi Foto © Mary Scherpe

Frühjahr/Sommer 2013/14. Foto © Mary Scherpe

In der Sommerkollektion 2011, in der sie mit Makramee-Elementen spielten, finden sich ausgesprochen weiche, feminine Linien, während in der Sommerkollektion 2014, die sich dem Thema Jeansstoff widmet, kantige Konturen mit androgynem Einschlag vorherrschen.

Finanziell hat ihr Upcycling-Konzept noch keine Dividende eingebracht, zu ungewohnt sind die Kombinationen, welche sie ihrem Ausgangsmaterial abgewinnen. Ohnehin ist es fraglich, ob die Berliner Modewoche überhaupt Einkäufer für die Art von Mode anzieht, wie sie Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi kreieren. Größeren kommerziellen Erfolg verspricht die Pariser Modewoche, bei der regelmäßig vom Berliner Senat ein Showroom für junge Talente organisiert wird, der auf reges Interesse stößt. Das Schmidttakhashi waren bereits viermal eingeladen und haben in Paris erste Geschäftsabschlüsse mit Einkäufern aus Japan getätigt.

Alle Werbebroschüren des Labels und auch die Website sind auf Englisch. Das demonstriert geografische Unabhängigkeit. In das Interview hinein platzte die Nachricht, dass Schmidttakhashi zum Berliner Showroom während der Fashion Week in New York eingeladen sind.

Schmidtakahashi Foto © Dan Belieu

Aus der Werbebroschüre des Berliner Senats für den Showroom in New York. Top: Boessert/Schorn, Hose: Schmidttakahashi. Foto © Dan Belieu

Der Erfolg eines Labels lässt sich nicht nur in Verkaufszahlen bemessen, sondern auch an der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird. In dieser Hinsicht sind Schmidttakahashi außerordentlich erfolgreich.

Studio Schmidttakahashi ‒ Chausseestraße 9, 10115 Berlin

Text: Rose Wagner