Sind Culottes trendy?

Sind Culottes trendy?

Bilder r. u. l.: HTW-StudentIn 1. Semester SS 2012, mitte: ep_anoui SS 2104 © S. O. Beckmann

Kaum hat man sich an den Anblick extrem enger Hosen gewöhnt, die jede Hautfalte nachzeichnen und nichts mehr der Fantasie überlassen, da sieht man auf der Straße hin und wieder Frauen in weiten Hosen, auf Taille geschnitten und mit schwingenden Beinen, die bis zur Wadenmitte reichen oder kurz über dem Knöchel enden. Für diese Beinkleider sind verschiedene Bezeichnungen im Umlauf: Hosenröcke, ¾-Hosen oder Culottes. Sind das erste Anzeichen eines neuen, gegenläufigen Trends? Statt hautenger Hosen nun faltenreich verhüllende?

Der Name Culottes für die neuen weiten Hosen ist eigentlich paradox. Als Culottes wurden im 18. Jahrhundert die enganliegenden Kniebundhosen der französischen Adeligen bezeichnet. Die Revolutionäre, die die Bastille stürmten und die Adelsherrschaft hinwegfegten, trugen dagegen die weiten langen Hosen der schwer arbeitenden Matrosen und Handwerker. Selbstbewusst nannten sich die Aufständischen Sans Culottes (eingedeutscht: Sansculotten oder Ohne-Kniebundhosen).

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Stuttgarter Vintage-Händlerin im Hosenrock. Foto © Rose Wagner

Es waren sportlich aktive Frauen der Oberschicht im viktorianischen England, die sich erstmals im Hosenrock zeigten. Die Culottes kamen beim Reiten und Fahrradfahren zum Einsatz. Anfänglich wurde noch ein hoher modischer Aufwand betrieben, um zu verbergen, dass die vermeintlichen Röcke in Wirklichkeit Hosen waren. Blenden und Rüschen sollten dem Kleidungsstück eine gefällige Note verleihen. Anfang des 20. Jahrhunderts kam es mit der Pfadfinderinnen-Bewegung, die ihn zu ihrer Uniform erkoren, zur weiteren Verbreitung des Hosenrocks. In die Couture wurde er Anfang der 1930er Jahre von der avantgardistischen Modeschöpferin Elsa Schiaparelli eingeführt. Doch zum modischen Mainstream brachten es die Culottes nicht. Allzu sehr widersprachen sie der gängigen Vorstellung von Weiblichkeit.
Culotte der Hamburger Designerin Bitten Stetter.
kick the coc, Bitten Stetter

Foto © Bitten Stetter

Auch in Deutschland hielten die Hosenröcke mit dem Sport Einzug. Vor allem zum Fahrradfahren zogen selbstbewusste Frauen Culottes an. Außerhalb sportlicher Betätigung zeigten sich jedoch nur besonders modemutige und unabhängige Frauen in einem Hosenrock. Bis weit in die 1960er Jahre galten Culottes als unweiblich, und die Trägerin wurde nicht selten hinter vorgehaltener Hand als „Mannweib“ oder Lesbierin verunglimpft. In der Variante als Haremshosen genossen Culottes eine kurze Blüte in der Hippie-Szene. An diesen Look schließen heute internationale Modeketten an.
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Culotteträgerin Berlin (Foto: © Rose Wagner) und Culotte von HolyGhost SS 2014 (Foto: © S. O. Beckmann)

Seit einigen Jahren genießt der Hosenrock bei internationalen Designern neue Wertschätzung. In den Kollektionen von Proenza Schouler, Armani, Alexander Wang und Jil Sander ist er präsent. Die Namen dieser Designer stehen für einen kühlen, minimalistischen Look. Dass es unter den deutschen Designern, die Culottes schneidern, gerade die Hamburgerin Bitten Stetter oder Jörg Ehrlich und Otto Drögsler von ODEEH sind, ist kein Zufall. Bitten Stetters Programm richtet sich dezidiert gegen den herrschenden Trend, und ODEEHs Stil zeichnet sich durch ungewöhnliche und rigorose Silhouetten aus.

Neuerdings haben global agierende Ketten wie H&M und Primark Hosenröcke im Angebot. Selbst der Otto-Versand bietet sie an. Heißt das, dass Culottes nun trendy sind? Wohl kaum. Es spricht eher dafür, dass diese Unternehmen auch solche Frauen anziehen wollen, die sich gängigen Trends verweigern. Mit unkonventionellen Looks sollen neue Kundenschichten erschlossen werden.

Der Hosenrock ist ein herbes und verhüllendes Kleidungsstück, das gängige Vorstellungen von Weiblichkeit nicht unterstützt. Für ihn spricht seine Bequemlichkeit, und Komfort ist heute ein gewichtiges Argument in der Mode, nichts soll klemmen und die Bewegung einschränken. Culottes schmeicheln allerdings nicht der Figur. Die meisten Hosenröcke betonen optisch Gesäß und Hüfte und lassen die Trägerin breiter aussehen, als sie tatsächlich ist. Mit anderen Worten: Culottes tragen auf. Ratsam ist es deshalb, Schuhe mit Absatz zu tragen, denn sie strecken die Silhouette. Prints mit großen Mustern sollten gemieden werden, es sei denn, die Trägerin hat die Maße eines Models. Im Zweifelsfall sind dunkle Farben hellen vorzuziehen, und weich fließender Jersey trägt weniger auf als festes Leder. Auch klug gewählte Accessoires helfen, die Silhouette vorteilhaft auszubalancieren. Taschen und Gürtel sollten markant minimalistisch sein, verspielte Täschchen und Gürtelchen sind fehl am Platz. So begleitet, können Culottes ein echtes Fashion Statement sein. Dass sie jedoch den herrschenden Trend zu extrem engen Hosen umkehren, ist wenig wahrscheinlich.



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Text: © Rose Wagner