„Starker Auftritt! Experimentelles Schuhdesign“

„Starker Auftritt! Experimentelles Schuhdesign“

Kritisch, bizarr und makaber: der Schuh als Medium
von Rose Wagner

Nimmt man die Zahl der Ausstellungen als Indikator für Popularität, dann sind heute Schuhe das wichtigste Accessoire. Im Jahr 2013 finden in Europa und den USA ein gutes Dutzend hochkarätiger Schuhschauen statt. Die Leipziger Präsentation ist jedoch keine herkömmliche Modeausstellung. Um bloße Fashion Statements geht es nicht, nach der Tragbarkeit wird nicht gefragt, und die Kulturgeschichte bleibt außen vor. Es geht um Schuhe als Kunstobjekt, Design und Gesellschaftskritik.

Die meisten der ca. 220 Exponate sind nicht älter als zehn Jahre. Meist handelt es sich um Unikate oder Schuhe, die in Kleinserien für Modekollektionen, Messen oder Performances hergestellt wurden. In sechs Themenbereichen werden unterschiedliche Aspekte beleuchtet. Jede Sektion wird mit einer Informationstafel eingeleitet, die für die Einordnung hilfreich ist, denn nicht jedes Exponat spricht aus sich heraus und offenbart die in ihm enthaltenen Möglichkeiten und Visionen. Ein kostenloses Begleitheft liegt aus.

Mensch und Tier
In der Sektion „Zweibeiner – Vierbeiner“ steht Ethik im Zeitalter der Massentötung von Tieren im Mittelpunkt und wirft Fragen nach dem Umgang mit der Kreatur auf. Wenn schon die Abfallprodukte der Fleischindustrie – Haut und Fell – verarbeitet werden, warum nicht auch die Kadaver geächteter Tiere verwenden? Was spricht dagegen, aus Maulwürfen Schuhe zu machen?

Ist es nicht ein Zeichen von Doppelmoral, wenn getötete Tiere entsorgt werden, statt sie nützlicheren Zwecken zuzuführen?

Iris Schieferstein: Cow, © Grassi Museum

Warum nutzen diejenigen, die keine Vegetarier sind, nicht alles vom Tier, wie die umstrittene Berliner Tierkünstlerin Iris Schieferstein, die in Leipzig mit zwei Arbeiten vertreten ist. Weltweite Bekanntheit erlangte sie durch bizarre Modelle für Lady Gaga. Die Ansammlung von Schuhen mit Hufen, Hörnern und Haarschweifen in der Ausstellung ist verstörend.

Die Eröffnung wurde begleitet von Protesten der Tierschutzorganisation „Peta“. Einige der ausstellenden Künstler setzen sich kritisch und radikal mit der Tiervernichtung auseinander, aber es ist zu bezweifeln, ob das für alle gilt, die Schuhe mit Tierteilen fertigen.

Technologie, Material und Design
In den Themenfeldern „Der Schuh von morgen“ und „Material“ stehen neue Stoffe und Produktionsverfahren im Mittelpunkt. So wird der erste Couture-Schuh gezeigt, der aus dem 3D-Drucker kommt – „Melania“. Er ist in einem abfallfreien Materialkreislauf aus wieder verwertbarem Material gefertigt. Auch Hochtechnologie-Schuhe der Designerin Iris van Herpen sind zu sehen.

Kann die Umwelt mit den neuen rohstoffarmen Materialien und zeitsparenden Techniken geschont werden? Was bedeuten sie für Arbeitsplätze und traditionelles Handwerk? Wie viele Schuhe braucht die Frau – denn um sie geht es –, wie viele sind sinnvoll? Das Modulsystem „My Shell“ der israelischen Designerin Sharon Golan beruht auf vier Formengruppen (Schalen, Muscheln, Ei und Erde), die variantenreich mit Silikonbändern kombiniert werden können, so dass letztlich 256 unterschiedliche Schuhe entstehen. Ob die Idee eines Schuh-Baukastens zukunftsweisend ist, scheint jedoch fraglich. Wer will sich täglich neue Schuhe basteln? Geht es bei der weit verbreiteten Schuhsammelleidenschaft nicht gerade um die Freude an möglichst vielen modischen Exemplaren, schön aufgereiht im Schrank?

Iris van Herpen © Grassimuseum

Naim Josefi and Souzan Yous © Grassimuseum

Zwischen Material und Design besteht ein enger Zusammenhang. Wohin geht die Reise in ästhetischer Hinsicht? Kann es – in Anbetracht der unveränderlichen menschlichen Anatomie – überhaupt noch grundlegend Neues geben oder sind lediglich Abwandlungen des Bekannten und Retro-Moden, wie das Aufwärmen der Weltraumästhetik der 1970er Jahre, zu erwarten? Schuhe mit dieser Optik sind in der Ausstellung in etlichen Ausführungen präsent.

Neben dem althergebrachten Werkstoff Leder werden auch ungebräuchliche Materialien verarbeitet. Der afrikanisch-stämmige Künstler INSA formt Plateausohlen aus Elefantendung. Natürlich geht es nicht darum, dieses Abfallprodukt ernsthaft als Materialalternative ins Gespräch zu bringen, sondern um das spielerische Ausprobieren von Neuem. Etliche Künstler verwenden für ihre Schuhplastiken werkfremde Materialien wie Beton, Glas, Metall, Brotteig, Kaugummi.

Unter dem Titel „Reduktion – Architektur – Skulptur“ geht es um Anregungen aus der Architektur für Design und Optik von Schuhen. Beispielhaft dafür ist das Werk „Mojito“ des Londoner Brückenbaukonstrukteurs Julian Hawkes, der seine Erfahrungen mit Statik und Belastbarkeit auf High Heels überträgt.

Obsessionen, Kunst und Kommerz
In der Abteilung „ Schuh – Fetisch“ dreht sich alles um Warenfetischismus und sexuelle Obsessionen. Der Fuß ist nicht nur der Körperteil, der das gesamte Gewicht des Menschen trägt, sondern auch eine erotisch besetzte Zone, und (Frauen)Schuhe sind seit alters her ein mit sexueller Bedeutung aufgeladenes Utensil, wobei die Absatzhöhe entscheidend ist und die Farbe Rot Signalwirkung hat. Hierzulande gibt es wohl kein Schuhgeschäft mehr, ob am Hamburger Jungfernstieg oder im City Center eines Provinzortes, in dem nicht hochhackige Schuhe mit Fesselriemchen und Glitzerbesatz und Overknee-Stiefel – oft aus Lack – ausliegen. Was Alice Schwarzer einst als „Porno-Chic“ geißelte, ist längst Mainstream. Die Sexualisierung der Gesellschaft, Schönheitsideale und Zwänge werden in der Ausstellung vielfach reflektiert. Die amerikanischen Designerinnen Lauren Tennenbaum und Lydia Koch, Gründerinnen des Labels „(In)Decorous Taste“, interpretieren in ihrer Installation „Blonde“ gängige Vorstellungen von weiblichen Attributen – blondes Haar und hohe Absätze. Kobi Levi spielt mit seinem Beitrag „Blow“ auf aufblasbare Ersatzfrauen an.

Kobi Levi © Grassimuseum

Es sind sogar Schuhe zu sehen, die als erotisches Spielzeug zum Einsatz kommen, beispielsweise die „Soulless Shoes“ von Betony Vernon, deren konkrete Verwendungsweise sich dem Unkundigen durch einen aufklärerischen Videofilm erschließt.

In der Sektion „Kunst – Konvention – Kitsch“ dominieren Verfremdung und Auseinandersetzung mit Konventionen. Die dadaistische und surrealistische Bewegung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erhob den Gebrauchsgegenstand Schuh in die Sphäre der Kunst. Heute sind es Einflüsse aus der Popkultur – Musik und Film –, die selbst gewagte Kreationen alltagsfähig machen. Lady Gaga, Rihanna und Beyoncé wirken stilbildend. Die High Heels der Schuhfetischistin Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) aus dem Film „Sex and the City“ katapultierten Manolo Blahnik in die Topgruppe der Luxusschuhhersteller. Seine Stilettos, wie auch die von Jimmy Choo und Christian Louboutin, sind – ungeachtet ihrer Preise – heute Statussymbole. Diese Designer sind in Leipzig nicht vertreten, dafür ist ein Modell von Nicholas Kirkwood, dem neuen Shooting Star der Luxus-High-Heel-Szene, ausgestellt. Es variiert Motive des Graffiti-Künstlers Keith Haring. Dessen Farben und Formensprache finden sich auch auf anderen Exponaten. In die Kategorie Kitsch darf man wohl die Schuhe von Jeremy Scott einordnen, die vermutlich zu den wenigen ausgestellten Modellen gehören, die kommerziell erfolgreich sind und einen Markt bedienen, auf dem sich nicht nur Großverdiener tummeln. Von Scott werden rosa Pudel–Sneakers – einer der wenigen Schuhe für Männer in der Ausstellung – präsentiert, die auch in ausgewählten Adidas-Geschäften erstanden werden können. In der Leipziger Filiale im neuen schicken Einkaufszentrum „Höfe Am Brühl“ verkaufen sich die Scott-Schuhe gut – so der auskunftsfreudige Store Manager. Sie werden gern verschenkt oder “in die Schrankwand“ gestellt. Die Käufer investieren ihr Geld in tragbare Kunst.

Ergänzend zur Ausstellung werden im Foyer des Grassi Modelle präsentiert, die auf der Schuhmesse in Düsseldorf im März 2013 mit dem „Junior Award“ des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie ausgezeichnet wurden. Das Thema des diesjährigen Wettwerbs lautete: „Go for Glamour! Shiny & Shimmering Shoes“.

Bei der Eröffnung verglichen Museumsleiterin Eva Maria Hoyer und die Kuratorinnen Sabine Epple und Liza Snook aus Amsterdam vom „Virtual Shoe Museum“ ihre eigene mit der New Yorker Schau „Shoe Obsession“ und behaupteten: „In New York gibt es vielleicht mehr Glamour, aber Leipzig bietet mehr Experiment und Inhalt“. Sie haben wohl Recht.

Ein Katalog ist im Druck.
(Eine Ausstellung in Kooperation mit der Niederländerin Liza Snook. Sie betreibt ein virtuelles Schuhmuseum: www.virtualshoemuseum.com )

Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig > 28.03. – 29.09.2013

Fotos © Grassimuseum soweit nicht anders angegeben
Bild Top: Rachel de Kler/ Gekko