Trend: Je oller, je doller. Dem USED LOOK auf der Spur.

Trend: Je oller, je doller. Dem USED LOOK auf der Spur.

Der absoluter Trend sind Used Look Jeans. Die Steigerung dessen ist der Destroyed Look oder der Distressed Look. Der Trend nimmt nicht ab. Im Gegenteil. Je oller die Jeans, je doller der Look. Tendenz steigend. Der Destroyed Look ist auch keinesfalls als Jugendtrend auszumachen. Die zerrissenen Hosen werden generationsübergreifend getragen.

Über 35 Jahre Trend

Den Used Look gibt es seit den 1980er Jahren. Dem Designer Renzo Rosso, Gründer der Jeansmarke Diesel, waren die ursprünglichen Jeans zu steif, zu hart und zu sauber. Er rieb die genähte Jeans so lange über den Betonboden, bis sie die gewünschte Haptik hatte. Daraus wurden dann chemische Sandstrahlverfahren und Steinwaschungen entwickelt, die der neuen Jeans ein gebrauchtes Antlitz verleihen.

Für den Italiener Renzo Rosso war es zunächst schwierig die Händler von diesem Kaputtlook zu überzeugen. Schließlich fand er einen Düsseldorfer Händler, der die Hosen erfolgreich verkaufte. Klar, im Ruhegebiet, wo der richtige Malocher unterwegs ist, der wusste, was er trug und konnte sich mit diesem Look nun wirklich identifizieren. Seitdem gewinnt der Used Look immer mehr an Popularität. Über alle gesellschaftliche Schichten hinaus finden sich Anhänger des Zerstörungsdesigns, dem nach oben hin keine Grenzen gesetzt sind.

Umfragen ergeben, dass beim Kauf einer Jeans der Used Look bevorzugt wird. Dass diese Hosen gar nicht mehr so lange haltbar sind, ist nicht von Belang. Es geht in erster Linie um das Design und den Trend.

Was für ein Aufwand für den Used Look betrieben wird, steht in keinem Verhältnis zur Haltbarkeit des guten Stücks. Da baut man erst mal Baumwolle an, spinnt und webt die Fäden zu einem schönen Stück Stoff. Färbt diesen mit Indigo Blau ein, näht die Hosen und am Ende zerstört man das mühsam gefertigte Produkt durch Sandstrahlen, Schnitte, Waschungen und Verätzungen. Wie absurd diese Strömung eigentlich ist, darüber macht sich kaum jemand Gedanken. Und noch absurder ist, dass eine Bevölkerung den Used Look trägt, die eine Hose niemals durch das normale Tragen so abnutzen würde. Tragespuren sind heute höchsten am Hintern zu erkennen oder dort an den Taschen, wo das Handy verstaut wird. Reichen die gekauften Tragespuren jedoch nicht aus, kann man sich selbst mit Schmirgelpapier, Käsereibe, Pfannenreibe, Bimsstein, Schere, Cuttermesser und Pinzette behelfen, das optische Bild der einstigen Hose, im Extremfall, in einen Fadenlook oder Distressed Look aufzulösen.

Die Trendfolger

Aus soziologischem Gesichtspunkt sind Kleider immer auch ein Spiegel des Trägers gegenüber der Gesellschaft. Die Wahl der Kleidung ist eine Form der nonverbalen Kommunikation, mit der der Träger etwas über sein Selbstbild, Status, Herkunft, Kultiviertheit, Bildung, Anpassungsfähigkeit oder Individualität erzählt. In erster Linie folgen die Träger des Used Look einem Trend. Aber was steckt hinter diesem Trend?
Ist es der Wunsch nach dem echtem spürbaren Leben? Ist es der unbewusste Wunsch nach Spuren in einem Leben, in dem wir hauptsächlich virtuell unterwegs sind und auch nur virtuelle Spuren hinterlassen? Ist uns unsere Welt so wenig greifbar, dass wir Spuren künstlich hervorrufen müssen? Wieso stellen wir etwas dar, das wir nicht sind? Vielleicht ist es immer diese Sehnsucht, die uns treibt. Die Sehnsucht nach dem wahren Leben, dem Abenteuer, das den Tribut einer kaputten Hose zollt. Oder es ist die Kreativität, die uns treibt, aus einer gewöhnlichen Jeans ein Kunstwerk zu schaffen.

Am Ende ist es auch egal, die Hosen fallen auf. Man sieht Haut und das ist vielleicht auch ein Aspekt unter dem die Hose schön gefunden werden kann.

Ein wahrer Charakter

„Used Look Jeans bringen einen individuellen Charakter in dein Outfit“ (zalando). Wir fragen uns allerdings: Wieso sind wir individuell, wenn wir Used-Look Jeans tragen? Was erzeugt beim Used Look mehr eine Individualität bzw. Charakter als andere Hosen? Individuell wäre doch, wenn wir diesen Used Look durch unsere Tragegewohnhheiten gestalten würden. Tatsache ist jedoch, dass der Used Look, maschinell erzeugt, durch keinerlei Anzeichen von individueller Gestaltung hervorgebracht wurde.
„… Durch das Altern erhalten die Hosen ihre charakteristische Optik, die jedes Outfit auflockert und die beliebte Lässigkeit versprüht.“ (zalando) Lässig sind wir also mit so einer zerrissenen Hose dann auch. Das ist ja wunderbar, wenn wir an unserer Persönlichkeit gar nicht mehr arbeiten müssen, denn alles, was wir sein wollen, nehmen uns unsere Kleider ab.

Sie können nichts falsch machen! Lassen Sie machen

„Das Charakterstück besticht durch originellen Geist mit modischer Optik! Das trendige Patchwork-Design erzeugt in Kombination mit Elementen in Destroyed-Optik und er Used-Waschung einen absolut coolen Look, der durch das verkürzte Bein mit offen versäubertem Abschluss perfekt untermalt wird. … Probieren Sie es aus!“ (Breuninger) Treffender können wir es nicht beschreiben.

Günstig ist der Look auch noch

Der Used Look ist inzwischen günstiger als ungewaschene und unbehandelte Jeans. Die Masse trägt es, weil es zu etwas Schönem deklariert wurde. Man hat sich an den Used-Look gewöhnt und will es auch gar nicht mehr anders. Es sei denn, irgend jemand kommt auf die Idee, den Used Look als modisches NO-GO zu deklarieren. Spätestens dann können wir es ja mal mit Kunststopfen versuchen.

Text: S. O. Beckmann
Topcollage: S. O. Beckmann
Fotos: Breuninger Advertisement