Wie der Erste Weltkrieg die Mode veränderte

Wie der Erste Weltkrieg die Mode veränderte

Auch in modischer Hinsicht bedeutete der Erste Weltkrieg eine Zäsur. Frauenkleidung wurde radikal modern, und es zeigte sich, dass Mode – bei anhaltender stilistischer Vorherrschaft von Paris – länderübergreifend war, was lokale Variationen und Vorlieben nicht ausschloss. National blieb während des Ersten Weltkriegs lediglich die Modeindustrie.

Diese Thesen vertreten Adelheid Rasche – die Herausgeberin – und die Autorinnen Birgit Haase und Raffaella Sgubin in dem Buch „Krieg und Kleider“. Es erschien begleitend zur gleichnamigen Ausstellung in der Berliner Kunstbibliothek und nimmt die Mode in der Zeit von 1914 bis 1918 in Paris, Berlin und Wien in den Blick sowie ihre Repräsentation in zeittypischen Medien.
Der massenhafte Eintritt von Frauen in die Arbeitswelt – insbesondere in kriegswichtige Sektoren, in denen bislang ausschließlich Männer tätig gewesen waren, sowie in die Krankenpflege – blieb nicht ohne Einfluss auf Lebensstil und Kleidung.
Silhouette und Rocklänge veränderten sich markant. Das kam allerdings nicht völlig unverhofft. Bereits 1907 hatte der Pariser Couturier Paul Poiret Kleider gezeigt, deren schmale Linien das kurvig Körperbetonte des Jugendstils hinter sich ließen. Bei Kriegsbeginn hatten sich gerade geschnittene Kleider und Kostüme weitgehend durchgesetzt. In den mittleren Kriegsjahren wurden die Röcke zwar vorübergehend wieder weiter – die Rede war von der „Kriegskrinoline“ –, am Ende behaupteten sich aber praktische Kittel- und Hemdblusenkleider. Dass um das Jahr 1916 herum die Röcke einen Anflug von Biedermeier zeigten, kann mit einer nostalgischen Referenz an bessere Zeiten und dem Wunsch nach erkennbarer Geschlechterdifferenzierung erklärt werden. Die Rocklänge blieb jedoch kurz und passte zur Dynamik des Lebens.

Die Röcke waren sukzessiv kürzer geworden – auch in dieser Hinsicht war Poiret ein Vorreiter. Bei Kriegsausbruch legten die Röcke bereits die Knöchel frei, dann wanderte der Rocksaum immer höher, bis er schließlich bei Kriegsende die Wadenmitte erreichte. Die kürzeren Röcke erlaubten den Frauen größere Bewegungsfreiheit und reduzierten gleichzeitig den Stoffverbrauch.

Im Laufe des Krieges übernahm die Frauenmode immer mehr Gestaltungselemente und Schnitte aus der Militärkleidung der Männer – kleine Stehkragen, aufgesetzte Taschen, Tressenbesatz oder Capes – und passte sich auch farblich den Uniformen an. Im deutschen Reich war Feldgrau populär, in Frankreich und Österreich-Ungarn entsprechend andere Uniform-Farben. Insgesamt waren die Farben abgetönt und zurückhaltend. Schwarz – bei der Trauerkleidung allgegenwärtig – wandelte sich zur Modefarbe und blieb es bis heute. Hüte wurden kleiner und auf üppige Verzierungen wurde verzichtet.
Die Hauptkriterien für die Frauenkleidung lauteten: Zweckmäßigkeit, Praktikabilität und Schlichtheit. Kleider sollten waschbar sein. Da Wollstoffe für das Militär reserviert waren, griffen Frauen zu Baumwolle und den neu entwickelten Trikot- und Jersey-Stoffen. Das Selbernähen breitete sich in allen Gesellschaftsschichten aus.

Nach Kriegsende wurden die erwerbstätigen Frauen zugunsten der von der Front zurückkehrenden Männer wieder aus dem Arbeitsleben ausgegliedert und zurück an den Herd geschickt. Die Veränderungen in der Frauenmode waren allerdings nicht mehr rückgängig zu machen.

Das Buch enthält aufschlussreiche Faksimiles von Anzeigen und Gestaltungshinweisen in Modezeitschriften. Auch in der Kriegszeit und trotz erschwerter Lebensbedingungen hatten Frauen das Bedürfnis, sich adrett zu kleiden. Mode sollte zudem der Zerstreuung dienen und nicht zuletzt den Fronturlaubern einen erfreulichen Anblick bieten, das wird auf Titelbildern und Abbildungen in Modezeitungen deutlich und im zeitgenössischen Modejournalismus auch thematisiert. Hinreißend anzusehen sind Zeichnungen, Linolschnitte und Lithografien von KünstlerInnen wie Georges Lepape, Annie Offterdinger, Théodore Fried und Hilda Jesser in künstlerisch anspruchsvollen Grafikmappen, die in kleiner Auflage erschienen. Die von den Künstlern gezeichnete Kleidung in hellen Farben, mit hübschen Frauen, die sorgfältig zurechtgemacht in idealisierter Szenerie leichthändig alle kriegsbedingten Beschwernisse abschütteln, gleichen Wunschbildern. Adelheid Rasche spricht in diesem Zusammenhang von „medialen Konstruktionen“. Diese heile und glamouröse Welt hatte mit dem beschwerlichen Arbeitsalltag der meisten Frauen nichts zu tun und entführte sie – durchaus gewollt – in eine Gegenwelt. Die künstlerischen Modedarstellungen aus den Kriegsjahren belegen auch eine erstaunliche modische Dynamik und Internationalität. Und angesichts der originellen und anspruchsvollen Modegrafik der Kriegsjahre kommt einem vieles in der heutigen Modefotografie geradezu langweilig vor.
Die Textbeiträge sind lesenswert und informativ, und mit den vielen Abbildungen ist das Buch eine reine Augenfreude.

Krieg und Kleider: Mode und Grafik zur Zeit des Ersten Weltkriegs 1914-1918. Für die Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin, hrsg. von Adelheid Rasche. Leipzig: Seemann, 2014

Text: Rose Wagner