„XO“- St.Martin in Neopren und Samt

„XO“- St.Martin in Neopren und Samt

Aus der Kollektion „XO“ von Andreas Stang. Foto: Patrick Jaworek

Ein Interview mit dem Modedesigner Andreas Stang zu seiner Kollektion „XO“.

Eine klare Botschaft voller Poesie, die haften bleibt, vertritt der Modedesigner Andreas Stang mit seiner Kollektion „XO“. Die Verbindung zwischen vielschichtigen Problemen der Gesellschaft mit der Vielseitigkeit der Mode hat ihm einen FASH-Award auf der jüngsten Mercedes-Benz-Fashion-Week beschert. Wie er es geschafft hat, Social Media, St. Martin und die Evolution mittels Neopren, Kunstpelz und Schmuck in einer Kollektion darzustellen, erzählt er uns im Interview.

Andreas, ein zentrales Thema deiner Kollektion beinhaltet „Social Media“. Was hat dich dazu bewegt, deine Mode nach diesem Thema zu designen?

Der Grundgedanke für die Kollektion „XO“ kam mir während meines Praktikums bei Balmain in Paris. In dieser Zeit entstanden einige neue Freundschaften mit tollen Menschen, die bis heute bestehen. Wir arbeiteten zusammen an einem größeren Ziel. Basis dafür war Kommunikation und Kooperation – der Kern des evolutionären menschlichen Erfolges. Eine Rückbesinnung auf genau diese menschlichen Werte ist die Lösung für die vielen internationalen, interreligiösen und interidealistischen Konflikte, die unsere Welt in Kombination mit der Digitalisierung immer unübersichtlicher scheinen und uns hyperreaktiv werden lassen. Diese Rückbesinnung auf den wahren Kern der Dinge übertrug ich auf die Mode. Funktion, Schmuck und Kommunikation sind die drei Grundessenzen von Kleidung und Mode, die ich in der Kollektion übertrieben und vermischt habe. So entstanden funktionale Bestickungen, modulare Flächen und Schmuckverschlüsse als Kommunikationsmittel.
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Andreas Stang, Caps aus der Kollektion „XO“. Foto: Patrick Jaworek


Was war deine erste Idee und wie hast du versucht, diese in der Kollektion darzustellen und zu präsentieren?

Von Anfang an empfand ich die Idee, dass zwei Menschen, die aneinander vorbeigehen und aneinander haften bleiben, als sehr poetisch. Darauf basierend hielt ich erste Ideen und Gestaltungsansätze visuell fest, die sich immer weiter präzisierten. Parallel dazu entwickelte ich Proben zu den unterschiedlichen Bestickungstechniken und Materialien, wodurch sich im Rahmen des Konzepts neue Verwendungsmöglichkeiten erschlossen. So baute ich durch flächige Bestickung einiger Kleidungsstücke mit Magneten, Ketten und Karabinerverschlüssen miteinander verbindbare Teile in die Kollektion ein. Somit verhalten sich die Magnete und Ketten fast wie kleine Härchen, die bei Begegnung zweier Menschen reagieren. Durch die verwendete Bestickung ergaben sich teilweise körpernahe Formen, wohingegen ich die Form anderer Kleidungsstücke durch Drapagen entwickelte. Nach einigen Probeteilen und Korrekturen dieser habe ich dann die Originale bestickt und genäht. Zur Modenschau der FH Bielefeld hatte ich zunächst sechs Outfits gefertigt, war aber noch nicht ganz zufrieden und entschloss mich dazu, die Kollektion auf zwölf Outfits zu erweitern und teilweise das Styling zu ändern, um die Aussage klarer zu treffen.
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Andreas Stang übersetzt das Thema Vernetzung auf seine Weise. Kollektion „XO“. Foto: Patrick Jaworek

Aktuell ist Umweltdenken ein sehr großes Thema. Welche Stoffe hast du für deine Kleidungsstücke verwendet und welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in deiner Kollektion?

Basierend auf dem Kollektionskonzept habe ich Funktionsstoffe wie Denim, Jersey und Neopren, Stoffen wie Samt und Brokat gegenübergestellt, die eher mit Prestige und Schmuckhaftigkeit assoziiert werden. Der verwendete Kunstpelz ist eine Erinnerung an die Grundfrage des Ursprungs von Kleidung und Mode: Verlor der Mensch im Laufe der Evolution zuerst sein Körperfell und brauchte als Reaktion darauf einen neuen Schutz von äußeren Witterungen oder wurde das Körperfell überflüssig, da der Mensch anfing, sich zur Differenzierung von anderen mit fremden Fellen zu schmücken. Je nach Blickwinkel ändert sich das Grundwesen des Menschen und die Kernfunktion von Kleidung: Im ersten Fall reagiert der Mensch auf Veränderung und passt sich durch Ideenreichtum an. Sollte er sich jedoch schon vor dem Verlust des Körperfelles mit fremden Fellen geschmückt haben, zeugt dies von einem tief verwurzelten Prestigebedürfnis und sozialer Abgrenzung. Nachhaltigkeit bedeutet für mich, etwas zu schaffen, das Kurzfristigkeit überstehen kann. Aus diesem Grund ist es wichtig, nicht nur reine Oberflächen anzubieten, für die Mode fälschlicherweise oft gehalten wird, sondern Inhalt, der Menschen dazu anregt, ihre Verhaltensmuster zu hinterfragen und über mehr als nur Oberfläche nachzudenken.

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Lookbook von „XO“ Fotos: Artur Birkle

Wo du gerade vom Schmücken redest: Wie kamst du auf die Idee so viel Schmuck einzubauen?

Die Schmuckverschlüsse wie Karabinerhaken und Magnete, die zum Großteil als Bestickung verwendet wurden, sind in erster Linie funktionale Elemente, die durch die Häufung zu Schmuck werden und dadurch neue Funktionen erhalten. So kann man durch die entstehenden modularen Flächen zum Beispiel verschiedene Collageelemente an der Kleidung befestigen, um diese zu individualisieren. Hinzu kommt die direkte Kommunikationsfunktion, die ich vorhin schon beschrieben habe.
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Schmuck aus der Kollektion „XO“. Foto: Patrick Jaworek

Inwiefern kommunizierst du denn genau politische und gesellschaftliche Themen mit deiner Mode?

Es ist erstaunlich und etwas erschreckend, dass man mit dem Wort „teilen“ heute fast automatisch an digitales Teilen denkt. Verschwindet das „reale Teilen“ langsam aus unserem Sprachgebrauch und Handlungsmuster? Vor allem in Zeiten, in denen man Schutzsuchenden helfen muss, wird das reale Teilen wichtiger. In der Kollektion habe ich diesen Gedanken durch ein Oberteil manifestiert, das sich komplett zerteilen lässt. Als Symbolbild dafür sah ich Sankt Martin, der seinen Mantel teilte und eine Hälfte einem Armen gab. Dieses Vorbild der Humanität ist heute relevanter denn je, da der Kern des menschlichen Erfolges in der Kooperation liegt. Aus diesem Grund können sich die Trägerinnen der Kollektion untereinander verbinden und werden unausweichlich zur Kommunikation und Auseinandersetzung miteinander gedrängt.
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Kollektion „XO“. Foto: Patrick Jaworek

Inwiefern ist Mode generell ein geeignetes Instrument zur Aufzeigung aktueller, weltlicher Prozesse und Probleme, mit denen man sich auch anderweitig auseinandersetzen muss?

Mode war schon immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es hat einen Grund, weshalb eine Großzahl von Menschen Ähnliches gut findet, macht oder trägt. Mode ist Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen – ob nun riesige Reifröcke im Rokoko, die eine räumliche und gesellschaftliche Distanz des Adels zum gemeinen „Fußvolk“ erzeugen. Oder überdimensionierte Schulterpolster der Achtzigerjahre, die weibliche Stärke und Selbstbestimmung durch die Überzeichnung der männlichen Business-Silhouette ausdrücken, was sich wiederum auf die jeweilige Haltung der Frauen und damit insgesamt die Forcierung der emanzipatorischen Idee auswirkte. Momentan ist es das Tragen von Sportswear im Alltag, die unsere durch die Digitalisierung immer schneller getaktete Welt widerspiegelt.

Wie ist es deiner Meinung nach durch Mode möglich, diese Prozesse ein Stück weit zu beeinflussen oder sogar zu steuern? Wo siehst du heutige Probleme in der Gesellschaft und in der Welt, die durch Mode oder zumindest durch ein modisches Verständnis gelöst werden können?
Mode ist Indikator und zugleich Katalysator für Veränderung. In Kombination mit der menschlich angeborenen Neugier erzeugt Mode ein Bedürfnis nach Neuem, nach Veränderung und verwächst untrennbar mit gesellschaftlicher Situation und der Zeit, in der sie existiert. Da der Mensch nunmal dafür bekannt ist, seinen Körper zu bedecken, bekommt die Art der Bedeckung eine permanente Relevanz als ein non-verbales Kommunikationsmittel. Mode hat die Macht, künstlich gesetzte Grenzen zu verwischen und verschiedenste Einflüsse zu verschmelzen. Somit kann sie in der Tat dazu beitragen, interkulturelle Differenzen abzuflachen und Verständnis füreinander zu fördern.

Inwiefern hat dir die Entscheidung in Bielefeld zu studieren, den Sieg ein Stück leichter gemacht?

Bielefeld ist als Textilstandort kein ganz unbeschriebenes Blatt – wenn man bedenkt, dass hier traditionell ein Leinenproduktionsstandort mit großen und ehemals bedeutenden Textilfabriken wie Spinnereien und Webereien sowie Nähmaschinenproduktion besteht und einige Kleidungs- und Modefirmen in Bielefeld und auch der Umgebung seit langer Zeit etabliert sind, weshalb sich auch das Studienfach Mode als Resultat daraus entwickelte. An der Fachhochschule Bielefeld habe ich viel gelernt – vor allem, als Designer eigenständig zu arbeiten und meine Konzepte umsetzen zu können. Es gibt hier viele talentierte junge Designer mit sehr guten Ideen. Gutes Design ist meiner Meinung nach weniger eine Frage des Standortes, sondern eher eine der persönlichen Leidenschaft. Da ist es meines Erachtens egal, ob und wo man studiert – das hängt vom Individuum ab.

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Lookbook von „XO“ Fotos: Artur Birkle

Wie geht es jetzt für dich weiter? Hast du schon namhafte Angebote oder Pläne gemacht?

Momentan arbeite ich an meiner Masterarbeit, die nächstes Jahr fertig sein wird. Danach werde ich mich erstmal im Ausland mit dem Ziel bewerben, mehr Berufserfahrung sammeln zu können.

Wie würdest du die generelle Förderung junger Designertalente wie dir in Deutschland beurteilen und wie schneidet dieses Land diesbezüglich im Vergleich zu anderen ab?

Wir haben hier sehr viel kreatives Potenzial. Die großen und wichtigen Modewettbewerbe finden aber außerhalb Deutschlands statt. In Deutschland gibt es immerhin einige – allerdings international gesehen – eher kleinere Preise. Generell muss man sagen, dass noch viel Luft nach oben ist, was die Förderung junger Designer in Deutschland angeht. Auch unternehmerischer Mut könnte ebenso wie engagierte Unterstützung guter, modischer Gestaltung zu größerer Verbreitung und vor allem Akzeptanz führen, die Mode nicht nur als überflüssige Belanglosigkeit abtut. Die Epizentren der Mode sind meiner Meinung nach immer noch Paris, London, Mailand und New York.

Wie beurteilst du die Entwicklung der Modeindustrie in den letzten Jahren und was denkst du, wo diese Entwicklung hingehen wird?

Die Geschwindigkeit, die unsere Gesellschaft und somit ebenso die Modeindustrie aufgebaut hat, hat unter anderem eine Überlastung der Kreativen zu Folge. Das zeigt sich momentan vor allem an den vielen Rotationen von Kreativdirektoren der großen Modehäuser. Andererseits eröffnen sich durch die neue Dynamik auch viele neue Nischen und Möglichkeiten. Bewegungen haben immer Gegenbewegungen zur Folge, weshalb ich der Überzeugung bin, dass eine Entschleunigung unausweichlich ist – in der Modeindustrie und vor allem in der Gesellschaft.

Was würdest du jungen Designern raten?

Es ist generell unmöglich, eine allgemeingültige Formel für „Erfolg“ oder „Glück“ zu formulieren, da sie für jeden ganz individuell herausgefunden werden muss – ob nun privat oder beruflich. Meiner Meinung nach ist das Wichtigste, dass man authentisch ist und lernt, seine eigenen Stärken einzuschätzen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Positives entsteht, wenn man genug Zeit, Liebe, Geduld und Leidenschaft in etwas investiert.

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Das Interview führte Nils Langenhop.
Fotos: Patrick-Jaworek & Artur Birkle