ZEITMAGAZIN & VOGUE KONFERENZ

ZEITMAGAZIN & VOGUE KONFERENZ

Mode ist der „visuelle Dialog der Gesellschaft“, so Tillmann Prüfer. Foto: S. O. Beckmann.

CHANGE
Die Konferenz gehört zu den wichtigsten Events der Mercedes Benz Fashion Week in Berlin. Hier wird Mode kritisch betrachtet. Dazu sind Diskussionen unter Experten notwendig. Christiane Arp, Chefredakteurin der deutschen Vogue, Christoph Amend, Chefredakteur des Zeitmagazins und Tillmann Prüfer, Erfinder der Konferenz Mode & Stil, sind die Hauptmoderatoren auf der Bühne der Zeit Magazin & VOGUE Konferenz. Sie stellen das momentane Modesystem in Frage und diskutieren mit Experten aus Mode, Verlagwesen, der Autoindustrie und der Fotoszene die Frage nach der Relevanz von Mode.

Eindeutig zeigt sich schon am ersten Tag der Mercedes Benz Fashion Week nach der 6. Zeitmagazin & VOGUE Konferenz, welche Relevanz Mode hat. Unter dem Titel „THE RELEVANZ OF FASHION“, ist das Fazit am Ende der Diskussionen: Entschleunigung und mehr Konzentration auf das Wesentliche in einer Zeit, wo Mode aus den Fugen gerät. Wir brauchen nicht noch mehr Fast Fashion.

Tillmann Prüfer hat ein ernsthaftes Anliegen
Tillmann Prüfer erwies sich bisher in seinen Begrüßungsreden der Konferenz immer als Komiker. Nun spricht er ernsthaft über die Schnelligkeit in der Modewelt, der Kurzlebigkeit von Produkten und dem Verschleiß von Designern, wie schnell und wie viele Kollektionen aus den Fingern gesogen werden, wie viel wir konsumieren… und wie alle eigentlich nur darunter leiden. Niemand ist wirklich glücklich mit diesem gehetzten Run auf Neues, das nicht wirklich mehr neu ist. Niemand weiß eigentlich noch, was gut ist, weil jeder nur danach schaut, was Werbung uns als gut verkauft.

Seine neun Forderungen an die Modeszene, ob Producer, Konsumenten, Journalisten oder Designer: CHANGE. Ändert etwas. Jeder ist Teil des Modesystems und somit mit verantwortlich für die Richtung, die es einschlägt.

Niemand braucht all das, was wir konsumieren. Weniger ist oft mehr und macht auch glücklich. Fast schon protestantisch hört sich die erste Forderung an: Öfter mal NEIN sagen. Als Zweites fordert Prüfer die Aufhebung von „Limited Editions“, die zum schnellen und unüberlegten Konsum animieren. Am Ende seiner Ansprache fordert er die Jugend auf, revolutionär zu sein. Denn das fehlt in der Tat heute. Es geht also auch um Ideale. Auf Kleider bezogen, weißt Prüfer nochmals auf die Funktion der Mode hin. Sie soll berühren und nicht gefallen. Das richtet sich auch an die Designer, die ihrer Intuition mehr Raum lassen, sich auf ungewöhnliche Ideen einlassen und unvernünftig sein sollten.

„Mode soll schön sein“
Linda Loppa, Mitbegründerin des Flanders Fashion Institute und frühere Leiterin des Fashion Departments an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen fordert Designer auf, die Vergangenheit zu vergessen und sich der Realität zu stellen, bei sich zu bleiben. „Wir hatten die Freiheit zu tun, was wir tun wollten“. Der daraus resultierende Erfolg barg ein Mysterium in sich. Der heutige Konflikt besteht in Menschlichkeit versus Virtualität. Es werden Emotionen kreiert, die wir in unserer Realität wahrnehmen sollten. Die Präsentation von Mode durch Fashion Weeks sind ihrer Meinung nach relevant und sollten nicht in Frage gestellt werden. Dabei zieht sie den Vergleich zur Kunst, deren Präsentation ja auch selbstverständlich ist. Vermarktung an sich ist sehr relevant für Modedesigner und sollte beherrscht werden. Deshalb zieht sie die Erfahrung im Einzelhandel der Fashionshow vor.
Kritisch sieht Loppa das „Downgrading“ in der Mode, wie im Street-Style-Hype. „Mode soll schön sein“ und wenn sie hässlich ist, muss etwas an ihr interessant wirken – beispielsweise die Silhouette.

Leidenschaft und Herz sind die Grundsteine eines guten Unternehmens
Wenn Brunello Cucinelli mit zusammengekniffenen Augen auf der Konferenz in einem leidenschaftlichen Gestus spricht, erzählt er mehr Anekdoten aus seinem Leben, als aus seinem Unternehmen im italienischen Solomeo. Hintergründig erzählen aber genau diese Geschichten, wie sein Unternehmen funktioniert. Er spricht von Leidenschaft und Herz. Er spricht mehr über Spiritualität als über Mode. Ihm geht es um eine bessere Welt. Ihm geht es darum, das alle Mitarbeiter seines Unternehmens von den Erfolgen partizipieren und zufrieden sind. Besser noch – das ganze Dorf Solomeo partizipiert. Ein Unternehmer der alten Garde, der von den Schriften Erasmus von Rotterdam und Kant beeinflusst wurde und Voltaire zitiert: „Wer nicht mit dem Wandel geht, wird mit dem Schlechtesten unserer Zeit zurückbleiben“.
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Leidenschaftlich erzählt Brunello Cucinelli auf der Zeitmagazin & VOGUE Konferenz. Foto: S. O. Beckmann

Auf die immer wieder auftretende Frage, was er denn jungen Designern raten kann, antwortet er genau wie Dorothee Schumacher vor ein paar Jahren und wie Oliver Reichert, CEO der Birkenstock-Group von Birkenstock: „Macht es mit Leidenschaft.“

Die lokalen Kräfte stärken
Armando Branchini (Vize Vorstand von Fondazione Altagamma / Luxusmarken) und Scott Lipinski (Geschäftsführer des Fashion Council Germany) sind Befürworter der lokalen Produktion. „Unser erklärtes Ziel ist es, den deutschen Modestandort mit allen Facetten im In- und Ausland zu stärken“. Produkte unter dem Label „Made in Europe“ zu vermarkten ist nicht sinnvoll. Regionale Lables wie „Made in Germany“ und „Made in Italy“ sind klar, kommerziell effektiver und verwischen nicht den Herkunftsort. Designer sollten sich stolz auf das Ansehen deutschen Designs und Handwerks besinnen. Allerdings gilt es auch, die Unternehmen immer wieder zeitgemäß aufzustellen.

„Der Bär begibt sich nicht in die Höhle des Löwen“
Diesen Satz wieder holte der CEO von Birkenstock, Oliver Reichert, immer wieder. Er spricht über das Ende der Zusammenarbeit mit Amazon. Die Verkaufsplattform ist nur eine Businessmaschine und von Zusammenarbeit könnte man bei Amazon nicht sprechen. Markenprodukte werden unter den derzeitigen Marketingstrategien von Amazon durch das Angebot von Fakeprodukten verwässert. Reichert möchte selbst bestimmen, wo er online platziert wird und das lässt Amazon nicht zu. Leider haben zu wenig Unternehmen den Mut, sich von solchen Unternehmen zu trennen. Faire Bedingungen zu schaffen, ist allerdings auch eine Aufgabe der Politik. Hier müssen die Regeln neu aufgestellt werden.
Reichert hat andere Wege gefunden, weltweit ein entsprechendes Klientel auf seine Produkte aufmerksam zu machen. Wie schon gesagt, ein Unternehmen muss sich immer wieder neu definieren. Weltweit platziert er eine Holzbox mit limitierten Editionen, die in Kooperationen mit Designern, wie Rick Owens und Kuratoren, wie Andreas Murkudis entstanden sind. Reichert ist ein Antagonist der Fast Fashion und sagt viele Kooperationsvorschläge ab. Er distanziert sich vom Street-Style-Hype. Birkenstock will nicht Mode sein. „Der Bär begibt sich nicht in die Höhle des Löwen.“, ist sein wiederholtes Mantra.

Zuhören
Was Mode mit der Autoindustrie gemein hat, ist leicht zu beantworten. Jede Industrie, die Bedürfnisse von Konsumenten erfolgreich bedienen möchte, muss sich mit den Strömungen der Zeit auseinandersetzen. Susanne Franz, Marketingdirektorin von SEAT, erzählt, worauf und wie die Autoindustrie reagiert. SEAT bedient vorwiegend ein junges Klientel. Die sogenannten Y-Generation oder auch Millennials. Es sind Studierende, junge Leute oder junge Familien, deren Bedürfnisse einem ständigen Wandel unterliegen. Flexibilität wird groß geschrieben. Das individualisierte Autokonzept ist gefragt. Darauf reagiert SEAT mit unterschiedlichen Konzepten. Beispielsweise kann man Autos online kaufen, auf seine Bedürfnisse anpassen oder upgraden, in diesem Fall wird das Modell getauscht.

„FASHION IS DEAD“ oder Logos sind ein Ausdruck von Freiheit
Hinter der Marke MCM steckt Sung Joo Kim. Die Koreanerin übernahm das Label 2005 und rebellierte in der Luxusszene. Sie folgt keinen Trends und machte den Rucksack zum Luxusgut, entfernte das Logo MCM und setzte es später vervielfältigt, als Rapportdruck auf ihre Produkte. Das Logo wird zum unübersehbaren Erkennungszeichen. Sie erzählt, wie der asiatische Markt getrieben wird von der Millennials, die mehr denn je eine Message braucht. Die Unternehmerin kooperiert mit Künstlern und findet Berlin sei eine Stadt der Freiheit, weil man hier alles hat, was man sich wünschen kann. Die Verbindung von Technik- und Ingenieur-Know-How und Kultur.

Wie es die Konferenz zeigt, sind die erfolgreichen Unternehmen wie Brunello Cucinelli und Birkenstock traditionelle Familienunternehmen, die über mehrere Generationen langsam gewachsen sind und sich mit Herz und Seele stabil auf dem Markt platzieren konnten. Was die Konferenz auch zeigt, dass es an der Zeit ist, sich zu besinnen und Konzepte neu aufzustellen. Moral spielt wieder eine Rolle, auch wenn man nicht den Zeigefinger erheben möchte. Die junge Generation hat etwas zu sagen, die Älteren müssen zuhören. Das Modesystem wird von allen definiert, denn wir sind das System.

Text & Foto: S. O. Beckmann